GLÜCKSKEKSE oder EIN KESSEL BUNTES





Niels Höpfner









Glückskekse oder Ein Kessel Buntes

Lastesel

Einer, der etwas trägt, ist ein Träger. Nein, nicht um Damen- oder Herrenmode soll's hier gehen. Auch nicht um Gepäckträger, die ja ziemlich ausgestorben sind, denn Demokraten schleppen ihre Koffer selber. Und ebenfalls nicht um Wasserträger, das wäre ein Problem der dritten Welt, viel zu weit entfernt, um uns unmittelbar zu betreffen. Auch die sogenannten Leistungsträger, in Wirtschaftskreisen höchst favorisiert, sollen links liegenbleiben, ebenso Flugzeugträger, ganz zu schweigen von irgendwelchen Preisträgern, die vornehmlich in Kunstgefilden herumpfauen.   

Nein, es geht vielmehr um eine Spezies von Trägern, die (zumal in schlechten Zeiten) stark im Kommen ist, deren Tragfähigkeit durch erhebliche Traglast herausgefordert wird – es geht um die Klasse der Hoffnungsträger.

Man trifft sie vornehmlich unter Politikern an. Herr Gerhard S. ist ein (wenn nicht überhaupt der) Hoffnungsträger der SPD, während die Grünen alle ihre Hoffnungsträger bereits verschlissen haben (einer ging in Feinschmeckerlokalen verloren). Wer an die Macht will, braucht Hoffnungsträger; wer die Macht hat, kann getrost auf sie pfeifen.

Auch im Sport und in der Kultur wimmelt es von Hoffnungsträgern, wenn es um ‹das große Ganze› geht: um den Fußball, um das Boxen, um die Literatur, um den Film, um die Kunst — und dann verglühen diese Meteore rasant, über Nacht. Ein undankbarer Job: Hoffnungsträger.

Und welch ein Wort: Hoffnungsträger! Man lasse es sich auf der Zunge (und im Kopf zergehen: Hoffnungsträger ... Hoffnungsträger ... Hoffnungsträger. Stemmt da nicht Atlas den Globus? Und: Hat dieses Wort nicht etwas — Eschatologisches? Etwas vom Erlöser, auf dessen Schultern die Hoffnung der Welt (und gleich der ganzen) ruht? Hoffnungsträger zu sein, bedeutet den Gipfel der Trägerkultur. Warnung: Nur nicht sich verheben! Keine Haftung bei Wirbelsäulenschäden.

Ernst Bloch hat uns das Prinzip Hoffnung eingebleut, wortstark und vielhundertseitig. Volkes Meinung ist — grenzenlos — solcher Botschaft gegenüber eher skeptisch. In Rußland dachte oder denkt man: «Auf der Wiese der Hoffnung weiden viele Narren.» In England spottet oder spottete man: «Wer von der Hoffnung lebt, tanzt ohne Musik.» Und hierzulande heißt es im Sprichwort: «Die Hoffnung ist ein langes Seil, an dem sich viele zu Tode ziehen.»

Fazit: Machen. Jetzt. Gleich. Nicht hoffen, nicht hoffen lassen. Lieber der magere Spatz in der Hand als die fette Taube auf dem Dach. Dann blendet — hoffentlich — bald auch nicht mehr der messianische Talmiglanz des sinister-unaufgeklärten Wortes Hoffnungsträger, das sich so pathetisch bläht.

 

 

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Godot, der Flegel

Vom Warten

Anscheinend gehört das Warten zur Conditio humana wie die Wespen zum Pflaumenkuchen. Religionsgläubige warten inbrünstig aufs erlösende Heil im Transzendentalen, und wir gewöhnlichen Atheisten kommen auch nicht ungeschoren davon.

Bauern warten meistens auf besseres Wetter, und in den unwirtlichen Städten wartet man an roten Ampeln: wer hier täglich nur vier Minuten wartet, hat im Monat zwei Stunden Lebenszeit verplempert und im Jahr einen vollen Tag.


Ganz zu schweigen vom Warten in Autobahnstaus, vom Warten vor Supermarktkassen und amtlichen Schaltern, vom Warten auf Straßenbahnen und Busse (nicht Buße), Züge und Flugzeuge, vom Warten darauf, daß etwas anfängt: ein Konzert, eine Theateraufführung, ein Kinofilm — das dürfte jährlich schon ein paar Wochen kosten. «Wer warten kann, hat viel getan», raunt ein Sprichwort — und impliziert das Wartenkönnen auch noch als vermeintliche Tugend.

Die deutsche Sprache differenziert sehr subtil überdachte Örter des Wartens: Wartezimmer, Wartesaal und Wartehalle. Um dies unseren ausländischen Freunden, die gerade einen Deutschkurs besuchen, paradigmatisch zu verdeutlichen: Im Wartesaal des Arztes waren weniger Leute als im Wartezimmer des Flughafens oder in der Wartehalle des Bahnhofs. Alles klar?

Im Spanischen ist unser ordinär-deutscher Wartesaal eine Sala de espera (im Französischen gibt's eine Analogie), und das Wort espera bedeutet auch Hoffnung: wer wartet, hofft, erwartet etwas. Und plötzlich umweht uns der Hauch des Existentiellen. «Im Wartesaal zum großen Glück, da warten viele, viele Leute» — so tönte, ziemlich depressiv, vor Jahrzehnten ein Chanson (meistens im Radionachtprogramm) und dürfte nicht ohne Einfluß auf die Selbstmordstatistik geblieben sein.

Existentielles Warten: Schlimm genug, wenn man den Freund oder die Geliebte bei einer Verabredung warten läßt; wesentlich ätzender noch, wenn ein Petent, ein Arbeitsloser zum Beispiel, auf seine Bewerbung monatelang keine Antwort erhält — da wird die Warteschlange leicht zur finalen Schlinge.

Ein Großmeister der Wartefolter ist Samuel Becketts ominös-numinoser Godot, der seine Klienten Estragon und Wladimir ad infinitum warten läßt. Godot, Archetyp des Jahrhunderts offenbar, ist ein sadistischer Flegel.

Wer wartet, mutiert im Grunde vom aktiven Subjekt zum passiven Objekt, denn er wird gewartet, ist, im philosophischen Sinne, ein Gewarteter. Jemanden warten zu lassen, ist eines der gemeinsten Herrschaftsinstrumente der Mächtigen. Grausame Vorzimmerdiktatur.

Nicht selten sind Mächtige selbst von langem Warten gekennzeichnete (und also ungeneröse) Emporkömmlinge; auch in Amt und Würden bleiben sie, was sie immer waren: Proleten ohne Manieren. Den ehernen Grundsatz Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige (sogar bei ihrer Hinrichtung, früher) kennen diese häßlichen Demokraten naturgemäß nicht.

Warten wir also auf bessere Zeiten. In der postkapitalistischen Gesellschaft wird — selbstverständlich! — auch das Warten abgeschafft sein. Alles gibt's dann für alle gleich, sofort, auf der Stelle — und wer's nicht glaubt, den sollen die Pflaumenkuchenwespen stechen!

 

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Der große Fake-Coup

Noch immer gilt der bombastische Spruch: «Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.» Humbug.


Der römische Philosoph Lucius Annäus Seneca, kurz Seneca, geboren im Jahr 4 vor unserer Zeitrechnung und gestorben im Jahr 65 durch Selbstmord, in den ihn Kaiser Nero trieb, schreibt zur moralischen Aufrüstung in seinen ‹Briefen an Lucilius› genau das Gegenteil. Schließlich war der Mann kein Dummkopf.   

In der Epistel 106 heißt es im Original: «Quemadmodum omnium rerum, sic literarum quoque intemparantia laboramus: non vitae, sed scholae discimus.» Und die Übersetzung davon lautet: Wie in allem, so leiden wir auch in der Wissenschaft an Unmäßigkeit: nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.                       

Wer den armen Seneca so infam verfälscht hat, dürfte namentlich kaum mehr festzustellen sein. Bestimmt war es keine philologische Schlampigkeit, kein Übersetzungsfehler, sondern ein vorsätzlicher pädagogischer Akt irgend eines autoritären Schulmeisters im 19. Jahrhundert. Hier ist ein Überzeugungstäter am Werk gewesen.

Fest etabliert hat sich die Fälschung bereits 1876 in Karl Friedrich Wilhelm Wanders ‹Deutschem Sprichwörter-Lexikon›, einem «Hausschatz für das deutsche Volk», Neuauflage 1964. Und die Fälschung, mit Seneca als angeblichem Urheber, geistert bis heute weiter auch durch neueste seriöse Lexika: sicher zur Freude vieler Pauker und auch vieler Eltern ...

Aber der gute alte Büchmann rettet in seinen Geflügelten Worten Senecas fast verlorene Ehre, indem er korrekt zitiert: «Non vitae, sed scholae discimus — Nicht fürs Leben, für die Schule bloß lernt man!» Und fügt treuherzig hinzu: «Natürlich äußern wir solche ketzerische Ansicht nicht unseren Kindern gegenüber [...].»

 

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Go Go Goa

Die einzige Straße aus dem Ort hinaus, an der hinduistischen Totenverbrennungsstätte vorbei (die Fremde irrtümlich gerne für einen Barbecue-Grillplatz halten), dann rechts abbiegen, die Dünen hochstapfen, und oben ist das Ziel schon erreicht: die Strandhütte am Candolim Beach im indischen Goa.

Die Bude hat eine überdachte Veranda; ein paar Tische und Stühle stehen mitten im Sand, also: keine Pumps! Reggae-Musik von mittags bis nachts, viel Bob Marley. Immer eine Temperatur von 35 bis 40 Grad. Abends vertreten sich heilige Kühe im flachen Wasser die Beine und kühlen sich die Waden. Wahrscheinlich die kitschigsten Sonnenuntergänge der Welt, wie sie selbst Hollywood niemals hinbekäme. Nie.

In der Strandhütte wird immerzu Fisch gebrutzelt, der köstlichste heißt Pomfrit, was bei den Touristen oft zu Mißverständnissen führt. Und man trinkt Fenny, einen aus Cashew-Nüssen destillierten Schnaps, der, im Flachmann serviert, wie Brackwasser riecht — und auch so schmeckt. Fenny jedoch macht lustig (und manchmal blind).

Man muß viel Fenny trinken und darf den Joint nie ausgehen lassen, um den Gedanken ertragen zu können, daß es den Ozean immer noch geben wird, wenn wir schon längst nicht mehr sind und nie gewesen sein werden.

 

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Charme

Eines der größten Mysterien in dieser Vernunftzeit ist das Phänomen »Charme«. Wir gebrauchen den Begriff in all seinen sprachlichen Erscheinungsformen ziemlich gedankenlos, aber höchst bewundernd oder sehnsuchtsvoll, wie es scheint - als ob es um eine Adelung ginge oder zumindest um eine Ordensverleihung besserer Klasse. Was ist Charme? Laut Wörterbuch hat man darunter ein »bezauberndes, gewinnendes Wesen« zu verstehen. Etymologisch lässt sich »Charme« herleiten vom lateinischen »carmen«, und dieses Wort bedeutet nicht nur »Gesang, Lied, Gedicht«, sondern auch »Zauberspruch, Zauberformel«.

Also: Simsalabim!

Eine Sie oder ein Er »hat viel Charme«, »besitzt hinreißenden Charme«, der manchmal sogar »ererbt« ist (von einem geheimen Nummernkonto der Ahnen: steuerfrei). Dieser »eigene, persönliche« Charme ist ein Kapital, denn er »gewinnt alle«, weil er »so liebenswürdig, unwiderstehlich, verführerisch« ist und im schlimmsten Fall »natürlich«.


Dabei handelt es sich keineswegs nur um den berüchtigten »diskreten Charme der Bourgeoisie«, die ihn »lässig ausstrahlt«, »gepaart mit Chic« und »voller Eleganz«. Oscar Wilde meinte, in seinen besseren Zeiten: »Alle charmanten Leute sind ver­wöhnt, darin liegt das Geheimnis ihrer Anziehungskraft.«


Es gibt aber auch Personen, die »nicht ohne« Charme sind, von denen »ein gewisser« Charme ausgeht, und die müssen gar nicht erst ihren »ganzen Charme spielen lassen, entwickeln, aufbieten«. Einem solchen Charme kann man ebenso »erliegen«, wenn nicht sogar »verfallen«.   Diesen Reiz üben nicht nur Menschen aus. Auch Städte und Landschaften »entzücken« mit ihrem Charme: Wien, zum Beispiel, das auf Charme geradezu abonniert ist, oder Paris, das traditionell sowieso Charme hat, von der Toskana ganz zu schweigen. Dagegen hat Gelsenkirchen es schwer.


Einer, der Charme »verströmt«, wird Charmeur genannt. Das ist ein »Mann, der die Frauen durch sein gewinnendes Wesen für sich einzunehmen versteht«, laut Wörterbuch (für das die Welt heterosexuell noch in Ordnung ist).


Besonders hüte man sich vor den »ausgesprochenen« Charmeuren, die schon als solche bekannt sind: gern werden sie auch als »Charmebolzen« bezeichnet, wenn sie »charmant plaudern« können und sich auch sonst »von ihrer charmanten Seite« zeigen. Kommen sie in die Jahre, gelten sie bestenfalls als »alte Charmeure« oder verzehren ihr Gnadenbrot als »charmante Großväter«.


Nicht gerade sehr charmant geht die Sprache, gehen ihre Erfinder und Benutzer mit dem weiblichen Pendant des Charmeurs um. Als »Charmeuse« bezeichnet man »maschinenfeste Wirkware aus Kunstseide oder synthetischen Fasern«, aus der Unterwäsche hergestellt wird: Dessous. So sieht also die Reverenz vor der Frau aus, der wir - mutmaßlich - das Wort »charmant« verdanken. Aber sie ist ja auch eine Mann-Phantasie.


1696 erschien Christian Reuters abenteuerlicher »Schelmuffsky«-Roman, in dem der Titelheld für eine »Dame Charmante« entflammt, und die ist eine ziemlich lockere Lose, um nicht zu sagen: schockcharmant.

So hat Grimms Wörterbuch für »charmant« und »charmieren« auch nur spärliche sechs Zeilen übrig: dort ist »die charmante, die geliebte«; und auch Zitatbeispiele wie »charmante Seele« oder »er hat ihr einen charmanten Brief geschrieben« richten ja wohl kaum Unheil an.

Etwas skandalöser erscheint da schon die eigenwillige Charme-Vorstellung Arthur Schopenhauers: »A.: Wissen Sie schon das Neueste? B.: Nein, was ist passiert? A.: Die Welt ist erlöst! B.: Was Sie sagen! A.: Ja, der Liebe Gott hat Menschengestalt angenommen und sich in Jerusalem hinrichten lassen: dadurch ist nun die Welt erlöst und der Teufel geprellt. B.: Ei, das ist ja ganz scharmant.«


Vorsicht, Charme! Er ist etwas sehr, sehr Suspektes. Die Filmschauspielerin Cathérine Deneuve, die nicht nur schön ist, sondern anscheinend auch gescheit, befand: »Charme und Perfektion vertragen sich schlecht miteinander. Charme setzt kleine Fehler voraus, die man verdecken möchte.« Diese Erkenntnis ließe sich mit einem ähnlichen Bonmot konkretisieren: »Charme ist jene Gabe, die andere vergessen lässt, dass man aus dem Munde riecht.«

So scheint Charme (auf den solipsistische Eremiten sicher gern pfeifen) eigentlich nie interesselos und zweckfrei zu sein: Wenn jemand »alle Register seines Charmes zieht«, dann müssten im Grunde rote Warnlichter aufblinken und sämtliche Sturmglocken läuten, bevor wieder ein verhextes Opfer — im Büro oder im Schlafzimmer- aufs Kreuz gelegt wird und auf der Strecke bleibt. Charme kennt kein fair play. Nach Spinnenart »wickelt er ein«. Curt Goetz: »Ob die Liebe ein Glück ist? Jedenfalls ist sie das charmanteste Unglück, das uns zustoßen kann.« Na ja, immerhin.

Charme hat etwas mit unseliger Operettenseligkeit zu tun: »Ich küsse Ihre Hand, Madame ...« - fehlt nur noch Johannes Heesters im Frack. Der polnische Dichter Witold Gombrowicz möchte uns mit seinem bösartigen Theaterstück »Operette« dieselbe austreiben. Eine der Hauptfiguren heißt »Graf Charme«. Der ist sehr anachronistisch und dekadent. Man liebt ihn auf der Stelle.

Deshalb sollte Max Frisch nicht so säuerlich tönen: »Charme zur Haltung gemacht, ist etwas Fürchterliches. Waffenstillstand mit der eigenen Lüge.« Klar: Lüge. Natürlich alles Lüge.


Aber Hauptsache, sie ist charmant.

 

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Trilogie des Zweifels




George Grosz   Martin Kippenberger   Klaus Staeck


Do it yourself!>



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Wenn der Postmann nicht mehr zweimal klingelt oder Die Papierzunge des Zauberdrachens

Etwas zum Fax & Faxen

Eine Anekdote: Der stolze Neubesitzer eines Telefaxgerätes erprobt den Apparat zum erstenmal, und beim Empfänger kommt ein und dasselbe Jungfernfax zehnmal, fünfzehnmal an. Beim zwanzigstenmal telephoniert der genervte Adressat mit dem Absender, um den Grund für die unendliche Geschichte zu erfahren, und kriegt zu hören: «Mein Faxgerät muß defekt sein, das Blatt kommt bei mir aus dem Ding immer wieder heraus ...»

Aller Faxanfang ist schwer — unkt ein Faxgerätehersteller in seinem Werbeprospekt. Wohl wahr; auch wenn das Faxen selbst später dann kinderleicht ist.

Mein Faxgerät kam als Geschenk ins Haus; zwar funktionierte ‹das Ding›, nachdem es ans Telephon- und Stromnetz angeschlossen war, problemlos, aber leider fehlte die Gebrauchsanweisung, die unentbehrlich ist für die Programmierung der Kennung (Name und Anschlußnummer des Absenders, Datum und Uhrzeit), denn fast jedes Modell hat seine ungenormten Extravaganzen. Über die Faxgerätezulassungstelle der Deutschen Telekom in Saarbrücken ließ sich der Importeur des Irgendwo-made-in-Asia-Gerätes erfragen, der auch prompt 2 Meter Bedienungsanleitung — wie anders — faxte: Glückseligkeit — das erste eigene empfangene Fax!

Jedoch auch mit Gebrauchsanweisung stellt die Programmierung der Kennung den Intelligenzquotienten auf eine harte Bewährungsprobe: eine Stunde Lebenszeit sollte man dafür schon einkalkulieren — ich kenne sogar Leute, die brauchten dafür etliche verzweifelte Stunden, ja, Wochen, Monate! Nur ein genialer Irrsinniger kann sich den Programmiermodus ausgedacht haben — Genie und Wahnsinn logieren immer noch unter demselben Dach.

Nun gehöre ich also auch zur glücklichen Faxgemeinde in Deutschland. Faxten hierzulande 1983 nur 13.200 Avantgardisten, so waren es 1993 bereits 1,32 Millionen, eine Verhundertfachung!

Und wir werden jeden Monat 20.000 mehr, inzwischen dürfte längst die 1,5-Millionen-Grenze überschritten sein. Laut Telekom werden jährlich rund drei Milliarden DIN-A-4-Seiten durch die deutschen Leitungen gejagt, jeder Anschluß kommt — statistisch gesehen — auf rund 2.000 Blatt. Aber immer noch muß die traditionelle Briefpost jährlich an die 16 Milliarden Sendungen befördern.

Mein Telefax-Zauberkasten hat die Größe einer Reiseschreibmaschine und wiegt etwa drei Kilo, das Gehäuse ist schwarz. Nur fünf Tasten hat das Gerät und sieben Funktionsblinklichter. Mit der ersten Taste entscheidet man, ob die sogenannte Faxweiche automatisch aktiviert werden soll, wenn über dieselbe Leitung ein Telephonat oder ein Fax ankommt; mit der zweiten Taste kann man bei verminderter Übertragungsgeschwindigkeit die Übermittlungsqualität, etwa bei graphischen Darstellungen, optimieren; mit der dritten Taste läßt sich für den Hausgebrauch photokopieren. Wenn man mit der Rückseite nach oben ein Blatt in den schmalen Schlitz eingelegt hat — und nur Freudianer haben abwegige Assoziationen —, druckt man den daumengroßen grünen Trapezknopf — und ab geht die Post! Eine warnrote dreieckige Stoptaste für den Fall, daß das Alarmlicht blinkt und ein klagendes Piepsen ertönt — dann ist die Leitung zum Empfänger nicht zustande gekommen, oder die Rolle mit dem eigenen Faxpapier ist mal wieder zu Ende.

Natürlich gibt es wesentlich elegantere (und also teurere) Faxgeräte als meins, die haben ein chices Display, in dem die gewählte Empfängernummer ablesbar ist, haben ein integriertes Telephon, was außer im Büro kaum überbietbar unpraktisch ist, wie man hämisch feststellen muß: nur ein Büromensch läßt sich fesseln. Aber einen unbestreitbaren Vorteil besitzen Luxus-Faxgeräte (ab ca. 1.200 Mark) schon: sie funktionieren mit Normalpapier per Tintenstrahl- oder Laserdrucker und nicht mit diesem ekelhaften fludderigen Thermopapier von der Rolle per Hitzedruck, das sich so zombiehaft anfühlt, bei dessen Berührung jeder Ästhet Krätze kriegt, auf dem die Schrift so rasch verbleicht und das höchst umweltschädlich ist. Der Schweizer Schriftsteller Matthias Zschokke: «Ein Fax ist unter unserem ästhetischen Niveau: es hat nichts zu tun mit rahmengenähten Lederschuhen, English Lavender, Seidenunterhosen usw. — es ist schäbigste Fast-Food-Korrespondenz!»

Der interessierte Laie möchte selbstverständlich wissen, wie das Telefaxen technisch funktioniert. Ich auch. Da schreibt man am besten doch bei der Deutschen Telekom ab: «Das Telefax-Gerät wandelt Ihre Schrift- oder Bildvorlage fotoelektronisch in Rasterpunkte um, die als elektrische Signale übertragen werden. Das Empfangsgerät kehrt den ganzen Vorgang wieder um, und der Empfänger erhält eine originalgetreue Kopie, ein fernkopiertes ‹Faksimile›.»

Eine wunderbare Erklärung, so knapp und einleuchtend, daß sie auch 80jährige Mütter begreifen. Und als ein vom altsprachlichen Gymnasium Gebeutelter füge ich noch hinzu: tele, aus dem Griechischen, heißt soviel wie fern (Television, Telegraphie, Telepathie), und fac simile, aus dem Lateinischen, bedeutet mache ähnlich!

Aber trotzdem weiß ich immer noch nicht (auch wenn mir durchaus klar ist, daß Faxbotschaften nicht geschreddert auf die Reise gehen), wie die winzige Frau in mein Faxgerät hineingekommen ist, die mit quäkender Stimme plärrt: Bitte warten Sie! Ihr Anruf wird weitergeschaltet! Möchten Sie ein Fax senden, drücken Sie jetzt die START-Taste!

Ich mache kein Hehl daraus, daß ich das Telefaxen für eine der wunderbarsten Erfindungen der Menschheit halte, vergleichbar mit technischen Innovationen wie Glühbirne, Telefon, Rundfunk, Fernsehen, Ton- und Bildaufzeichnung. Auch mit dem Telefaxen vergewissern wir uns, daß wir nicht mehr auf den Bäumen sitzen (auch wenn es manchmal doch noch diesen Anschein hat: auf den modernen Schlachtfeldern).

Es ist kaum bekannt, daß die Anfänge des Telefaxens bis tief ins 19. Jahrundert reichen, bis in die Urzeit des Industriezeitalters, dessen technischer Visionär poetisch Jules Verne war.

Die Gelehrten sind sich uneins, wer denn nun der wahre Erfinder ist. Die Telekom nennt in ihren Unterrichtsblättern für den Nachwuchs den Engländer Frederic Collier Bakewell, der 1847 erste Übertragungsversuche mit «Copiertelegraphen» zwischen London und Slough unternahm. Das britische Fernsehen hingegen favorisierte den Schotten Alexander Bain, der sich 1843 ein elektromagnetisches Gerät patentieren ließ, dessen bewegliche Teile aus Rinderknochen bestanden, das jedoch erst 23 Jahre später zwischen Paris und Lyon ausprobiert wurde. Der sogenannte Pantélégraphe arbeitete mit beschichtetem Eisenblech statt Papier und war schneckenlangsam, so daß er mit dem Telegraphen von Samuel Morse nicht konkurrieren konnte. Immerhin inspirierte er den Spiegel noch 150 Jahre später zu der Titelei «Fax mit Knochen».

1869 präsentierte der Franzose Gyot d'Arlingcourt einen «Copiertelegraphen», der folgendermaßen funktionierte: «Das zu übermittelnde ‹Telegramm› wurde mit nichtleitendem Firnis (Lack) auf eine Metallfolie geschrieben oder in eine lacküberzogene Folie eingekratzt, auf eine drehende Trommel aufgespannt und von einem Abtastgriffel, der ... längs der Trommel bewegt wurde, abgetastet. An der Empfangsstation wurde ein mit blausaurem Kalium getränkter und mit verdünnter Salzsäure befeuchteten — und damit leitender — Papierbogen auf die Walze aufgespannt und der Abtastgriffel entlang der rotierenden Trommel bewegt. Durch elektrolytischen Stromdurchflug wurde das Aufzeichnungspapier eingefärbt.»

In Deutschland taten sich — erst Anfang dieses Jahrhunderts — die beiden Physiker Arthur Korn und August Karolus bei der Entwicklung des Telefaxens hervor; 1928 war erstmals das «Wetterfax» des Dr. Bodo Hell aus Kiel im Einsatz («Hellschreiber»), 1929 wurde ein «öffentlicher Bildtelegraphendienst» eingeführt. Und am 1. Januar 1979 begann in Westdeutschland die Einführung des Telefaxdienstes und wurde in Frankfurt am Main ein Telefax-Test-Center eingerichtet — das Kind ist also noch nicht einmal volljährig, hat sich inzwischen aber zu einem Riesenbaby ausgewachsen, obwohl die technische Entwicklung von der deutschen Industrie verschlafen und Japan überlassen wurde.

Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die ‹Gelbe Post› in Deutschland von der Papierzunge des Zauberdrachens verschlungen sein wird. Momentan stehen in Postdiensten 100.000 Briefzusteller, die jährliche Personalkosten von (vorsichtig geschätzt mindestens fünf Milliarden DM verursachen; insgesamt dürften die Aufwendungen für Briefbeförderung im zweistelligen Milliarden-DM-Bereich liegen. Es ist absehbar, daß sie in naher Zukunft nicht mehr rentabel sein wird, wenn nicht horrende Porti verlangt werden.

Wirtschaftlicher lassen sich die 35 Millionen bundesdeutschen Haushalte mit Schriftpost via Telefax versorgen (31 Millionen Telefonanschlüsse sind bereits verfügbar). Selbst wenn die Telekom, die dann die klassische Post-Aufgabe übernähme, jedem Haushalt im Lande ein Faxgerät kostenlos (oder gegen Kostenbeteiligung) zur Verfügung stellte, hätte sich eine solche Investition binnen kurzem amortisiert, wenn man bedenkt, daß es schon jetzt ein ‹Volks›-Faxgerät bei der Firma Saturn zum absoluten Dumping-Preis von 220 Mark(!) gab, wobei sich dieser Preis bei massenhafter Verbreitung gewiß noch um mehr als die Hälfte reduzieren ließe. Dann würden die gesamten Investitionskosten nicht einmal zehn Milliarden DM betragen. Längst ist das Faxgerät kein Luxusgegenstand mehr für Priviligierte, sondern bereits heute fast Gebrauchs- und Wegwerfartikel wie CD-Player, Kaffeemaschinen oder Staubsauger. Es lebe der Faxismus!

Schon jetzt ist die Übermittlung eines Briefes per Telefax billiger als auf traditionellem Weg: eine DIN-A-4-Seite, in den entferntesten Winkel der Republik gefaxt, wofür die gängigen Faxgeräte mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von 9600 Baud/sec. ungefähr eine Minute brauchen, kostet ab 1996 tagsüber fünf oder sechs Telefongebühreneinheiten, also 62 – 70 Pfennig, zum Billigtarif nachts sogar nur 12 – 36 Pfennig. Noch günstiger sieht es im Ortsnetz aus: für nur zwei Gebühreneinheiten lassen sich zum Normaltarif etwa drei Seiten faxen, zum Billigtarif für 12 Pfennig vier Seiten, was an Porto zwei Mark kosten würde. Und — momentan noch sehr teure — Faxgeräte der jüngsten Generation schaffen bereits die Übermittlung einer Seite in zehn Sekunden. Trotz der Geschwindigkeitshexerei macht die Deutsche Telekom satte Gewinne beim Faxen, und sie wären immens, jagte sie die Briefbeförderung ihrer unbeliebten Schwester Deutsche Post AG gänzlich ab, die dann aufs Frachtpost-Volumen einschrumpfte, unternehmerisch verschlankt von gegenwärtig 28,6 Milliarden Umsatz auf zur Zeit 4 Milliarden. Oder aber freie private Unternehmen bieten diese Dienstleistung an — ist die Deutsche Post ein Auslaufmodell? Ohne Frage: in ihrer jetzigen Struktur bestimmt.

Und keine Angst: auch das Faxgeheimnis soll wasserdicht werden wie das Briefgeheimnis. Jüngst präsentierte die Firma Siemens ein Zusatzmodul für Faxgeräte: mittels einer Chipkarte wird die Übermittlung des Faxes verschlüsselt, so daß kein Unbefugter die Leitung anzapfen und mitlesen kann.

Und im Büro und im familiären Bereich lassen sich eingehende Faxe speichern und erst durch ein Paßwort des befugten Empfängers abrufen. Auch das schon heute vielfach praktizierte papierlose Faxen von Computer zu Computer läßt Diskretion walten.

Rechtlich sind noch nicht alle Fax-Probleme gelöst. Zwar kann kann man per Fax rechtsverbindlich Kaufverträge abschließen oder Warenbestellungen vornehmen, aber wenn das Gesetz die Schriftform vorschreibt, muß ‹die Urkunde› nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch ‹eigenhändig› unterschrieben sein, reicht die Kopie der Unterschrift nicht aus, etwa bei Bürgschaftserklärungen, Vollmachtserteilungen etc. Auch bei einen Mahnbescheidsantrag muß das amtliche Formular im Original eingereicht werden (ein milder Trost; dasselbe sollte künftig, wenn der Faxismus monopolisiert ist, auch für Parkstrafzettel, diese gräßlichen ‹Knöllchen›, gelten). Und wichtig zu wissen noch: Als Beweismittel vor Gericht reicht das Sendejournal mit Datum, Faxnummer des Empfängers und technischem ‹OK›-Vermerk nicht aus, da sich eine solche ‹Quittung› leicht manipulieren läßt.

Die Abschaffung der traditionellen Briefpost hätte ein paar kuriose Nebenwirkungen: für Philatelisten gäbe es keine deutschen Briefmarken mehr zu sammeln (Paketpost wird ja nicht frankiert, sondern direkt am Schalter bezahlt), aber tränenüberströmte Sammelwütige könnten ja auf dann einzuführende Paketmarken, auf Telephonkarten oder Kaffeesahnedeckel umsteigen, um größere psychische Schäden zu vermeiden; und kläffende bißfreudige Köter müßten sich andere Waden als die der Briefträger suchen; auch werden die Beine der deutschen Menschheit schrumpfen, wenn der elastizierende Fitneß-Gang zum Briefkasten oder zur Post entfällt; und es gibt keine in Büchern veröffentlichten Briefwechsel von Dichtern mehr, denn wer will schon Gesammelte Faxe lesen? Aber als Ausgleich gibt es inzwischen ja bereits eine Fax-KUNST.

Ein Sonderproblem stellt die allseits so beliebte Postkarte dar. Da muß noch die flexible einseitige Faxkarte erfunden werden. Warum nicht? Wenn man eines Tages auch allgemein in Farbe faxen können wird (die Technik existiert bereits) ... — natürlich wird es in jedem besseren Hotel der zivilisierten Welt einen Faxautomaten geben! Tante Waltraut in der Heimat braucht einen Gruß ihrer Lieben nicht zu entbehren!

Man muß also kein großer Prophet sein, um fürs 21. Jahrhundert das Ende des traditionellen Briefverkehrs vorauszusagen. Der Postmann wird nicht mehr zweimal klingeln, wie ja auch die transzendentale Herkunft der Postboten, der einst als angelos vom Himmel fiel, längst anachronistisch ist, in entgotteten Zeiten. Den Platz der Metaphysik hat triumphierend die ‹Elektrophysik› übernommen (mein Faxgerät hat den ingeniösen Transit-Namen TELESUS).

Die Wirtschaft hat die Vorzüge des Faxens für die geschäftliche Kommunikation auf Anhieb erkannt und realisiert. Auch aus dem Pressewesen ist das Faxen intern nicht mehr wegzudenken (hochsensible Redakteure in kulturellen Elfenbeintürmchen allerdings murren noch — aber schon leiser). Andererseits bietet seit Oktober 1995 die Süddeutsche Zeitung in Zusammnarbeit mit der Financial Times einen Wirtschaftsdienst per Fax an: «SZ-Finanz» heißt das elektronische Medium, das über Finanzmarkt-Ereignisse, die erst spätabends oder nachts bekannt werden, brandaktuell informiert.

Es braucht noch etwas Zeit, bis auch traditionalistische Individualisten die Vorteile des Faxens erkennen und sich von ihm nicht mehr bloß in ihrer privaten Ruhe gestört fühlen (das war bei der Einführung des Telefons nicht anders). Selbst ein wertkonservativer Schöngeist wie der bereits oben zitierte Autor Matthias Zschokke mußte schließlich einräumen. — «... habe mich an das Gerät gewöhnt und es angenommen (es ging mir wie Katzen, die sich erst bis aufs Blut bekämpfen — und irgendwann nehmen sie sich an und lieben sich bis ans Lebensende).»

Faxen ist auch ein demokratisches Medium: Rundfunk und Fernsehen haben das längst erkannt, indem sie Meinungen ihrer meist jüngeren Klientel per Fax abfragen; ebenso läßt sich einen unfähigen Politiker mit einem Fax kurz und bündig der Marsch blasen; und als Verbraucher kann man dem Hersteller stante pede den Unmut über ein miserables Produkt ins Auftragsbuch schreiben («Ihr matschiger versalzener Thunfisch aus Ecuador kann mit dem knackigen aus Indonesien in keiner Weise konkurrieren!») — alles Aktionen, für die ein Telephonat zu intim und ein postalischer Brief zu aufwendig wäre.

In seinem Buch Die Schrift (Frankfurt am Main 1992) handelt der Kulturphilosoph und Zukunftsforscher Vilém Flusser im 13. Kapitel über das Phänomen Briefe, analysiert luzide und mit kritischer Sorge die radikalen Umwälzungen, die in diesem Bereich der Kommunikation auf uns zukommen werden:

«Netze, die sich nicht mehr auf die Erde stützen müssen, sondern die stützenlos in Feldern schwingen, sind Träger intersubjektiver Botschaften geworden. Die Festlichkeit und das Geheimnis des Briefeschreibens lösen sich auf. Die existentielle Einstellung des Wartens, des Abwartens, des Erwartens ist angesichts der kosmischen Simultaneität der elektromagnetisch übertragenen Botschaft überflüssig geworden. Hoffen ist nicht mehr Erwarten, es ist Überraschtwerden geworden. Es hat allen Sinn verloren, Briefe zu schreiben. ... Die Kunst des Briefeschreibens verlernen wir, während wir die neue Kunst der Intersubjektivität, die Computerkunst, noch nicht gelernt haben. Man entzieht uns den Brief (wobei dieses ‹man› gesichtslos ist, aber verschiedene Masken trägt), und wir fallen in die bezugslose Masse; gleichwohl erahnen wir, daß die Massenmedien sich in intersubjektive, briefartige Medien zu verzweigen beginnen. Nur diese dumpfe Ahnung, für die das Wort Hoffnung zu stark ist, erlaubt uns, dem Untergang der Briefe und der Post entgegenzusehen.»

(Der Aufsatz erschien 1996; rasanter technischer Fortschritt: in der Zwischenzeit ist das Fax längst verdrängt worden von der E-Mail.)



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Teatime auf Madeira

Lange schon wollte ich nach Madeira. Untrüglicher Beweis: ein wieder gefundener Polyglott-Reiseführer von 1976, in dem Gustaf Gründgens, der sich während seiner letzten Lebensjahre in die Insel verliebte, mit dem ultimativen Satz zitiert wird: „Hier ist es wunderbar!“.

Aber ich bin immer wieder an Madeira vorbei geflogen und lieber auf den Islas Canarias ausgestiegen. Und kam nun immer noch mit Verfrühung zur Unzeit auf Madeira an: meine Mitreisenden im Flieger fast alle rüstige Senioren im späten Pensionsalter und etliche so betagt, dass sie schon mit der „KdF“-Flotte  Madeira hätten besucht haben können.

Auch das touristische Restpublikum der Insel (außer Deutschen hauptsächlich Skandinavier, Engländer und Niederländer) wandelt im Lebensabendglanz. Bei der Ankunft regnet es cats and dogs (wohl eines der berühmt-berüchtigten Azorentiefs), und dabei bleibt es auch in den nächsten Tagen (was den Umsatz der Schirmverkäufer in den Straßen der Hauptstadt Funchal in astronomische Höhen treibt). Nicht grundlos eben grünt und blüht es überall dämonisch auf der Insel, die eine wahre Fruchtbarkeitshölle ist.

Aber das soll mich nicht weiter stören, denn ich bin ja nur aus einem einzigen Grund nach Madeira gereist: zum Teetrinken auf der legendären Teeterrasse des 1891 eröffneten “Reid’s Palace”, einem der “Leading Hotels of the World”, das auf einer Landzunge am Stadtrand von Funchal liegt. Der Freilufttee wird täglich von 15-18 Uhr serviert.

Man durchquert auf dickem Teppichboden die mit zahllosen Polstermöbeln ausgestattete Lounge (die jedem Staubsaugervertreter glänzende Augen bescheren dürfte und jeder Hausfrau Alpträume) und gelangt zur hohen Terrassentür, vor der Nelson, ein smarter Anfangdreißiger, den Gast in tadellosem Deutsch (er hat eine Zeitlang in der Wiesbadener “Ente im Lehel” gearbeitet) begrüßt: “Haben Sie reserviert?” Ich habe (es ist hier durchaus nichts Ungewöhnliches, seine Teatime per Fax oder Telefon eine Woche im voraus zu disponieren, der großen Nachfrage wegen; Hausgäste genießen selbstverständlich immer Vorrang), und der Maître de thé geleitet mich auf dem schwarzweißen Schachbrettboden zu einem der Tische. Von denen gibt es variabel etwa zwanzig, alle weiß gedeckt. Dazu gehören Korbsessel (mit Polsterauflage) für ungefähr 8o Personen, die auch jetzt anwesend sind. Die Terrasse ist sanft gerundet, ihre Brüstung bildet eine Arkade mit halbhohem Gitterstäben zwischen den einzelnen Pfeilern, damit niemand in den Palmengarten hinunterfällt.

Der Maître de thé selbst überreicht dem Gast die edle Tee-Karte. Ich kann wählen zwischen Earl Grey, Darjeeling, Ceylon, English Breakfast, Jasmine, Reid’s Blend und entscheide mich aus Neugier für die Hausmischung (“Ein leichter. aber voll abgerundeter Tee im Geschmack, passend zujeder Tageszeit”). Für empfindliche Mägen stehen auch Kräutertees zur Verfügung und für moderne Banausen sogar Espresso und Cappuccino.

Ein Kellner in weißem Jackett mit vergoldeten Knöpfen serviert. Selbstverständlich ist das Geschirr erlesenes Wedgwood. Zur Kanne Tee (3-4 Tassen) gehören Sahne und verschiedene Zuckersorten, die barbarische Zitrone fehlt. Naturgemäß mundet der Tee köstlich an einem Ort, wo man ihn nicht vulgär trinkt, sondern nimmt.

Den Tee begleitet eine dreistöckige Etagere: im obersten Stockwerk Näpfchen mit Butter und Schlagsahne, ein Gläschen mit Schwarzem-Johannisbeer-Gelee (leider nicht hausgemacht, sondern aus industrieller Produktion), im mittleren vier Fingersandwiches mit hauchdünnem Lachs, mit hauchdünner Gurke, mit hauchdünnem Käse oder hauchdünnem Fleisch, jeweils von der Größe eines halben Männerdaumens und bereits kronenfreundlich entrindet, im Parterre drei kinderfaustgroße (leider etwas unsaftige) Küchelchen mit Mandel- und Schokoladengeschmack. Als Extra wird mit der silbernen Gebäckzange ein frisches ofenwarmes Rosinenmilchbrötchen gereicht. Teatime auf Madeira. Eine lebenslang unvergeßliche Performance für schlappe 2o Euro pro Person.

In der Lounge spielt dazu ein dezenter Pianist ein Potpourri aus Welthits der siebziger Jahre (oder früher). Ach, lieber Hotelpianist sein im “Reid’s” auf Madeira als Musiklehrer in Gelsenkirchen oder in... Ein Handy bimmelt, und Nelson bringt es mit einem indignierten Blick zum Verstummen.
Und tatsächlich wagt es eine vierköpfige Teegesellschaft am Tisch gegenüber, sich zu fotografieren (und sogar mit Blitzlicht!)- touristischer Pöbel. Immerhin stürzt er nicht zum Drachenfels-Fernrohr, das sich für diese Terrasse nur ein wahnsinniger Hotelbuchhalter ausgedacht haben kann: lächerliche Münz-Peanuts bringt ein Blick auf den Atlantik ein, wo es nichts zu sehen gibt- still ruht der Große Teich, keine turtelnde Lady Di oder Sensationen ähnlichen Kalibers.

Ansonsten ist das elegant-leger gekleidete Publikum wohlgesittet: in der Mehrzahl Leute, die “es geschafft haben”; kein Kindergebrüll, denn die eigene Brut, so vorhanden, ist längst erwachsen. Die Gäste sehen nicht erschöpft aus von Arbeit oder den hier so beliebten exzessiven Inselwanderungen, bei Wind und Wetter im wasserdichten Anorak, oder gar von langen Spielcasinonächten. “Industrielle und viel Adel”, raunt mir später Nelson zu, als ich versuche, ihn auszuhorchen. Namen nennt er natürlich nicht. Ganz normale Voyageure: Ehepaare, zum Beispiel, die sich nichts mehr zu sagen haben. Sie liest Stephen King, er Zeitung.

Ein Damenkränzchen war zu Besuch beim letzten österreichischen Kaiser, der in einer schäbigen Exilkiste in der armseligen Kirche des Bergdorfes Monte modert- aber wenigstens mit grandiosem Meerblick. Talwärts fuhr man mit den traditionellen Korbschlitten, gelenkt von ruppigen Gesellen, schmuddelig weiß gewandet, auf dem Kopf ein Strohhut, Modell Kreissäge.

In der Ecke der Terrasse ein griesgrämiger Herr mit Embonpoint. Warum hat er so schlechte Laune? Denkt er etwa an die weltschlechteste Pizza im Yachthafen von Funchal? Oder an andere Teller-Frugalitäten? Essen und Trinken auf Madeira außerhalb der Nobelhotels würden Wolfram Siebeck wöchentlich mindestens drei Schlaganfälle bescheren (wo Engländer jemals -und sei es in grauer Vorzeit- einen Fuß hingesetzt haben, hinterlassen sie anscheinend eine kulinarische Wüste: links auf dem Teller fades insulares Mischgemüse, rechts undeliziös Fisch oder Fleisch; an den -meist- horriblen portugiesischen Weinen sind sie schuldlos. Und da es Sherry von Sandeman gibt, ist auch der Madeirawein höchst entbehrlich).

Ein japanisches Trio nimmt zur Teezeremonie an einem Balustradentisch Platz. Alle in Kenzo-Schwarz, die Dame sogar bodenlang; alle stumm und alle mit Leichenbittermiene. Ich freue mich auf ein Harakiri zur Abwechselung, aber es bleibt aus. Obwohl die Filmkulisse perfekt ist, gehen keine Scheinwerfer an, und kein Regisseur ruft: “Action, please!” Es fehlen die Stars. Winston Churchill, der des öfteren im “Reid’s” logierte, trinkt hier schon lange keinen Tee mehr. Wir Statisten bleiben unter uns.

 

 

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Châteauneuf-du-Pape

 

Wir, die Neugierigen dieser Welt, durften, dank Vatican TV, einen flüchtigen Blick in die Privatgemächer des neuen Pontifex werfen. Sie müssen vor seinem Einzug erst noch renoviert werden, da sie anscheinend arg verwohnt sind, nach einem Vierteljahrhundert JP II.     

Vielleicht hätte man die Wohnung nach dem Todesfall nicht versiegeln, sondern gleich mit der Renovierung beginnen sollen. Aber das hätte den neuen Bewohner um die Chance gebracht, selbst zu bestimmen, was etwa in Resedagrün oder Altrosa oder Himmelblau gestrichen werden soll. Benedikt XVI. als Innenarchitekt: Darf er sich das Mobiliar selbst aussuchen oder muss er sich mit dem polnischen Plunder arrangieren? Lässt er neue Bilder an die Wände hängen? Bei Kunstwerken hat er die Qual der Wahl.

In den Medien wurden bislang nur die eher unwesentlichen Fragen zum neuen Papst zerkaut (Kondom- und Abtreibungsverbot, Zölibat, Frauenpriesteramt, ökumenischer Schulterschluss), aber kaum jemand stellte die wirklich brennende Frage: Wie viel verdient eigentlich der neue Vorstandsvorsitzende des global agierenden Kirchenkonzerns? Mehr als die britische Königin? Mehr als Bush oder Schröder? Mehr als Jürgen Schrempp? Lohnt sich das denn überhaupt?

Als Kardinal war Herr R. Angestellter des Vatikans und erhielt monatlich ein krisenfestes Gehalt, das ihm vermutlich auf ein Konto der urigen Vatikan-Bank überwiesen wurde (nebenbei: der Kölner Kardinal Meissner ist Gehaltsempfänger des Landes NRW). Relativistisch gesehen, dürfte sich Herr R. nun als Chef einkommensmäßig erheblich verschlechtert haben: das geht jetzt schon in Richtung 1-Euro-Job. Unvorstellbar ein Papst mit Portemonnaie oder Brieftasche. Unser Schröder bezahlt beim Hundefriseur Udo Walz mit Kreditkarte.

Aber immerhin wird Herrn R. eine kostenlose Dienstwohnung (mit schönem Ausblick) gestellt (inkl. Strom, Wasser, Telefon und Müllabfuhr) plus Arbeitskleidung. Und etliches Personal. Und Freiflüge hat er auch. Nur: Aus welchem Topf bezahlt er eigentlich weltliche Restwünsche? Vielleicht eine Rolex? Oder eine HiFi-Anlage von Bang & Olufsen? Oder CDs aus den frommen Bach-Vivaldi-Mozart-Charts? Ist er etwa auf Sponsoren angewiesen? Schlimm genug, dass der Musikliebhaber sein wurmstichiges verstimmtes Klavier aus der alten Hütte herüberschleppen lassen muss und sich keinen nigelnagelneuen Steinway leisten kann.

Herr R. speiste als Kardinal schon mal gern in einem besseren römischen Ristorante. Dagegen ist nichts zu sagen. Nun steht er unter der strengen Knute hutzeliger Nönnchen, die mutmaßlich nur über ein karges monatliches Haushaltsgeld verfügen, das wahrscheinlich dem Lebenskostenindex angeglichen ist. Die Bewirtung auf der After-Election-Party war eher eine kleinbürgerliche Leibesversorgung und lässt Schmalhans ahnen: Bohnensuppe, Fleisch mit roten Rüben, Aufschnitt und Brot, Äpfel (obwohl symbolisch kontaminiert). Und als Clou (!): Eis und ein Glas Sekt. Kein Champagner. Himmel, gibt es denn keinen formidablen Catering Service in Rom?

Das ist falsche (und verlogene) Bescheidenheit. Selbstverständlich hat der etablierte Papst einen Sterne-Koch zu haben (trotz allen Hungers in der Welt). Nicht immer nur fette Gans und Wodka. Sollte der Lebensstil des neuen Papstes zu aufwendig werden, könnte Die Firma immer noch den Petersdom an einen arabischen Scheich verkaufen und für die Messen zurückleasen, nach dem Dortmunder Borussia-Modell.

Wie die Presse des englischen Erzfeindes enthüllte, raucht Herr R. gern („Puff Daddy“). Werden die gestrengen Nonnen nun die Stangen rationieren? Es darf nicht so weit kommen, dass der Papst aus Armut einen seiner jugendlichen Gläubigen anhaut: „Hast du mal ’ne Kippe, mein Sohn, meine Tochter?“

Zur Not muss der Ex-Großinquisitor wohl auf das eigene Vermögen aus seinem bürgerlich-klerikalen Vorleben zurückgreifen. Seine Buchhonorare dürften ihm eine erkleckliche Summe beschert haben. Sie sprudeln und fließen munter weiter, und jetzt erst recht: bei Amazon führt er die Bestsellerliste an, noch vor Harry Potter. Mit diesen Erlösen darf UNSER MANN IN ROM guten Gewissens privatisieren, wenn er Feierabend hat: kein Papstbier aus seinem Geburtsort Marktl, es darf dann auch schon mal eine bessere Flasche Châteauneuf-du-Pape aus dem Weinberg des Herrn sein, vorm Fernseher oder beim Internet-Surfen. Sogar im weißen Bademantel. Aber auch ein lila Armani-Cashmere-Pulli und eine schwarze Ermenegildo-Zegna-Hose wären zu Hause keine Todsünde, sondern nur schlichte praktische Eleganz. Man kann nicht 24 Stunden Papst im Fummel sein: das ist unmenschlich. Bekanntlich hat das Haus Burda beste Beziehungen zum Heiligen Stuhl, und so freuen wir uns auf die erste Homestory in der Bunten. Und wissen dann auch endlich, welche Zigarettenmarke der Papst raucht.

Die sentimentale Gläubigkeit seines Vorgängers hat Benedikt XVI. offenbar nicht zu bieten und will es als ausgewiesener Intellektueller wahrscheinlich auch gar nicht. Das ehrt ihn. Trotzdem sind seine bisherigen öffentlichen Auftritte handwerklich ordentlich gearbeitet. Er macht einen JOB- seinen Job. Er gibt den Papst. Er ist ein Papstdarsteller, quasi mit brechtschem Verfremdungseffekt. Auch als Papst bleibt er Herr Ratzinger. Das ist neu und modern in der römisch-katholischen Kirche. Darin ähnelt er dem sympathischen 14. Dalai Lama alias Tenzin Gyatso.

 

 

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Grenouille - das Nasenmonster
Irdische, himmlische und höllische Düfte





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Handy-Mania

Nur Dienstboten müssen immer erreichbar sein.

Johannes Gross

Zufällig schaue ich aus dem Fenster, und da steht schon wieder auf der Straße so einer (diesmal kein Kinderschänder), der sich ein sogenanntes Handy ans Ohr quetscht und aufgekratzt, mit irrem Blick, in dasselbe quasselt. Inzwischen sieht man ja auch immer mehr Leute, die das sogar beim Gehen tun — sie müssen sehr in Eile sein.

iPhone - die perfekteste Versuchung, seit es Handys gibt

Wenn ich Handy-Benutzer bloß sehe, steigt automatisch mein Adrenalinspiegel, und Haß würgt mich, den doch sonst so Milden, der ich zu Aggressionen doch sonst kaum fähig bin.
Woran mag das liegen? Daran, daß ich noch aus einer Zeit stamme, als gerade das Schnurtelephon erfunden und der erste segensreiche Satz — «Das Pferd frißt keinen Gurkensalat» — per Draht gekrächzt wurde? Bin ich bereits vergreist und neidisch nur, der neuen Zeit, der großen Handy-Zeit, hinterherzuhinken?

Nichts gegen das klassische Telephon, damit habe ich nicht die geringsten Probleme (außer mit der Rechnung). Und ich bin begeisterter Faxist. Warum aber wird ein Handy für mich niemals comme il fault sein? Die Gründe sind ästhetisch-ethischer Art!

Leute, die auf der Straße am Handy hängen, sollten sich einmal auf Video betrachten: dämlich und lächerlich sehen sie dabei aus, wie die Verwirrten, die im Selbstgespräch vor sich hinbrabbeln. Als ich jedoch kürzlich einer jungen Schönen, ganz en passant, pädagogisch wertvoll zuraunte: «Wenn Sie sich so selbst sehen könnten, würden sie nie wieder auf der Straße telephonieren!», giftete die bloß keifend zurück: «Verpiß dich, alter Sack!»
Nun zum Ethischen: Es zeugt nicht gerade von großer Rücksicht, seine Mitmenschen in Cafés, Restaurants, Theatern und Konzertsälen mit den Lockrufen eines Handys zu belästigen — zweifellos eine akustische Körperverletzung. Und dann wird man ja nicht nur — schlimm genug — Augenzeuge jener ästhetisch absurden, unzierlichen Handy-Handhabung, sondern auch noch Ohrenzeuge banalsten Geplappers.

Was für Menschen mögen das sein, diese Handy-Führer? Ein mir bekannter TV-Moderator gehört auch dazu. Beim Restaurantessen liegt das Handy immer neben seinen Tellern. Aber es klingelt, bimmelt oder schnarrt nie. Inzwischen gibt es Agenturen, die auf Bestellung anrufen. Vielleicht sollte der mittlerweile zahnlose TV-Tiger dort abonnieren?

Ende des Jahres wird es hierzulande fünf Millionen ‹Mobilfunk›-Anschlüsse geben. Es sind die VIP's der Republik: die Unentbehrlichen, unsere Leistungsträger, die immer erreichbar sein müssen, Tag und Nacht, an jedem Ort (Ja, sogar auf der Toilette! Und vielleicht beim ...?), die sich lustvoll an die (unsichtbare) Kette legen oder legen lassen. Und selbst auf die Gefahr hin, die ‹political correctness› zu sprengen: am beliebtesten ist das Handy anscheinend bei Türken.

Nieder mit dem Handy! Es geht die Mär, Telephonieren via Handy verursache vielleicht ... eventuell ... Gehirntumore: Wie fabelhaft das wäre! Bekanntlich läßt sich der Teufel am besten mit dem Beelzebub austreiben.

(Veröffentlicht 1996; der Autor besitzt auch 2009 noch kein Handy.)




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Ohne Kommentar




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ELISABETH ALEXANDER (1922-2009)









Wie Goethe in den Werbe-Agenturen verendete (& PAUL, geknickt):


EXQUISA-
Keiner schmeckt wie dieser!




ALMIGURTH von Ehrmann-
Keiner macht mich mehr an!



Man sollte die Werbefuzzys pfählen, rädern oder teeren & federn... auf jeden Fall: HÖCHSTSTRAFE!






Der eine pißt, der andere kackt           

Cacatum non est pictum, hingeschissen ist noch nicht gemalt, heißt es grob und richtig. Kaum jedoch hockt sich jemand zum Defäkieren hin, ist der Maler Philips Wouwerman (1616-1668) zur Stelle und hält die Situation fest. Und Wouwerman war eine Größe, er gehörte zu den hochgeschätzten Malern des Goldenen Zeitalters der niederländischen Kunst.

Der Schimmel von Philips Wouwerman

Sein wahrscheinlich bekanntestes Bild, "Der Schimmel" im Rijksmuseum Amsterdam, wird seit je bewundert für den Realismus, mit dem das Pferd gemalt ist. Pferde waren die große Stärke des Künstlers. Aber das Bild ist auch eine kleine Genreszene. Das Tier mit roter Satteldecke steht auf einem Weg, ein Kind hält es am Zügel und scheint das Wasser abzuschlagen. Der Reiter aber, ein älterer Mann, hockt hinter der Böschung und entleert sich.

Der Kalvarienberg von Philips Wouwerman

Den Höhepunkt der Schonungslosigkeit aber stellt das fast 140 Jahre verschollene Bild "Der Kalvarienberg" dar. Im Mittelgrund stehen die drei Kreuze vor dem blitzdurchzuckten Himmel. Vorn reiten die Offiziere, die die Hinrichtung kommandiert haben, auf ihren wohlgenährten Pferden zurück, auch der Zimmermann mit Beil und Weinflasche hat sich auf den Heimweg gemacht. Seitlich an einer Böschung aber, nicht sehr auffällig placiert und doch durch einen Pfad mit dem mittleren Kreuz verbunden, dem Kreuz Jesu, hockt ein Mann mit heruntergelassener Hose und scheißt.







In memoriam 100 Watt






Drei häufige Sprachfehler:

 

Vorprogrammieren statt programmieren (= im voraus festlegen)

Aufoktroyieren statt oktroyieren (= aufzwingen)

Das Klientel statt  d i e  Klientel (der Wichtigtuer entpuppt sich als Banause)









Aber hallo!




14. September 2009, Neue Zürcher Zeitung

Was Bibliotheken lieber verschweigen

Es gibt Bucheinbände aus Menschenhaut

Das Englische kennt sogar eine Fachbezeichnung dafür: «anthropodermic bibliopegy». Die Praxis, Bücher in gegerbte Menschenhaut zu binden, hat es in früheren Jahrhunderten gegeben. Erzeugnisse dieses «Handwerks» finden sich noch immer in manchen Bibliotheken.

Robert Jütte                                                                                                                                    

1996 kam Peter Greenaways kunstvoller Film über Erotik, Kalligrafie und die Beziehung zwischen Schrift und Leib ins Kino. Nagiko, die schöne Tochter eines berühmten japanischen Kalligrafen, der sich von seinem homosexuellen Verleger missbrauchen lässt, trifft auf dessen englischen Geliebten Jerome, als sie selbst bereits der Faszination der Schönschrift erlegen und künstlerisch tätig ist. Sie schläft mit ihm, dann verziert sie seinen Körper mit kunstvollen Schriftzeichen. Dieses menschliche «Buch» übt auf den Verleger einen solchen Reiz aus, dass er nach Jeromes tragischem Tod die Leiche exhumieren und die Haut abziehen lässt, um daraus eine «Bettlektüre» zu fertigen. Das wiederum bringt Nagiko dazu, auf Rache zu sinnen.

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«Wie derbes Handschuhleder»

Die filmische Fiktion wird mitunter noch von der Wirklichkeit übertroffen. Im Jahr 2006 betitelte eine Schweizer Boulevardzeitung eine Meldung: «Dieser <Schmöker> hat Gänsehaut-Garantie». Hintergrund war, dass in der nordenglischen Stadt Leeds auf der Strasse ein offenbar in menschliche Haut eingebundenes Buch gefunden worden war, nach dessen Eigentümer die Polizei fahndete. Solche Bücher findet man heute normalerweise nicht auf der Strasse, dafür aber in nicht unbeträchtlicher Zahl in Bibliotheken in der ganzen Welt. Allerdings wird diese Tatsache von Bibliothekaren meist lieber verschwiegen. Man fürchtet einen öffentlichen Aufschrei, wenn dieses Faktum bekanntwerden sollte.

Dagegen wusste ein gebildeter Bürger noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dass Einbände aus Menschenhaut eine bibliophile Tradition haben. In «Meyers Grossem Konversation-Lexikon» (1908) kann man lesen: «Menschenhaut ist mehrfach zur Herstellung von Leder benutzt worden. In der Zittauer Ratsbibliothek befindet sich eine vollständige gegerbte M., die von einem Räuber stammt. Sie ist weiss und fühlt sich wie derbes Handschuhleder an.» Im Englischen gibt es sogar einen Fachausdruck für diese Buchbinderkunst: «anthropodermic bibliopegy».

Selbst in Buchbinderkreisen spricht man dieses Thema besser nicht an. Mitte der 1990er Jahre wollte der Sohn eines Gelsenkirchener Buchbinders einen Autor verklagen, weil dieser in einer ortsgeschichtlichen Darstellung behauptet hatte, dass dessen Vater in der NS-Zeit «echtes Niggerleder» verarbeitet habe. Der Streit kreiste darum, ob es sich dabei um Menschenhaut oder um in Afrika gegerbtes, recht haltbares, naturelles Ziegenleder mit natürlichen Narben (sogenanntes Nigerleder) handelte, wie es noch heute in der lederverarbeitenden Industrie verwendet wird. Hintergrund war, dass es immer wieder Gerüchte gegeben hat, die Nationalsozialisten hätten nicht nur Lampenschirme, sondern auch Bucheinbände aus der Haut von ermordeten KZ-Häftlingen hergestellt – ein Vorwurf, dem die seriöse Holocaust-Forschung immer mit Skepsis begegnet ist, wenngleich man weiss, dass KZ-Kommandanten Interesse an Präparaten hatten, die aus der Haut von Menschen gewonnen waren, die auffällige Tätowierungen aufwiesen.

Dass es aber in der Geschichte Terrorregime gab, die es zumindest duldeten, dass Menschenhaut zu Stiefeln oder auch zu Bucheinbänden verarbeitet wurde, zeigt ein Blick in die Geschichtsbücher. In seiner «Geschichte der Französischen Revolution» (1837 erschienen) berichtet der englische Historiker Thomas Carlyle im Abschnitt über die Phase des Thermidor, dass die Jakobiner auch vor dem Gerben von Menschenhaut nicht zurückgeschreckt seien. Das bereits zitierte deutsche Konversationslexikon nennt mehrere Beispiele: «Ein Rapport vom 20. Sept. 1794 berichtet von einem Fabrikanten in Meudon, der die Haut Guillotinierter zu Leder verarbeitete, und der Nationalkonvent unterstützte diese Industrie mit 45 000 Fr. Der Citoyen Egalité soll Hosen nur noch aus solchem Leder getragen haben. Nach Hyrtl (<Anatomie>) besass Granier de Cassagnac ein in M. gebundenes Exemplar der Konstitution von 1793.» Auf ein anderes Unrechtsregime spielt die Hautmetaphorik in einem Gedicht Heiner Müllers an: «In Leder gegerbt aus den Häuten der Schreiber / Halten wir unsere Häute intakt sagte Boris Djacenko / Damit unsre Bücher in haltbarem Einband / Überdauern die Zeit der beamteten Leser.»

Medizinischer Kontext

Nicht nur die Opfer politisch motivierter Morde mussten in der Vergangenheit die Enthäutung fürchten, auch Gewaltverbrecher traf gelegentlich ein solches Schicksal. Der spektakulärste Fall ereignete sich 1829 in Schottland. Damals wurde William Burke in Edinburg zum Tode verurteilt, weil er zusammen mit seinem Komplizen William Hare siebzehn Menschen ermordet und dann die Leichen an Anatomen verkauft hatte. Seine Totenmaske wird heute im Royal College of Surgeons of Edinburgh gezeigt, ebenso eine angeblich aus seiner Haut angefertigte Brieftasche.

Doch auch aus freiem Willen konnte jemand, wie ein deutsches Sprichwort lautet, «seine Haut zu Markte tragen». Das Resultat kann man heute in der Boston-Athenaeum-Bibliothek bestaunen. Dort befindet sich nämlich ein Buch, auf dessen Umschlag in lateinischen Lettern geschrieben ist: «Hic liber Waltonis cute compactus est» – «Dieses Buch von Walton ist gebunden in seiner eigenen Haut.» George Walton war Anfang der 1830er Jahre in den USA ein berühmt-berüchtigter Strassenräuber. Nur einmal stiess er offenbar bei seinen Taten auf energischen Widerstand eines Opfers. Als er am Ende seines Lebens, das er grösstenteils im Gefängnis verbrachte, eines natürlichen Todes starb, hinterliess er seine Memoiren mit dem Wunsch, als Einband solle seine eigene Haut verwendet und das Buch dann dem Mann geschenkt werden, der sich gegen den Überfall so heftig zur Wehr gesetzt hatte. Sein Name: John A. Fenno. Dessen Erben vermachten später dieses makabre Geschenk der Bibliothek. Die Mehrzahl solcher Einbände stammt jedoch aus dem medizinischen Kontext. 1911 berichtet der Berliner Buchbinder Paul Kersten in einer Fachzeitschrift, dass ihm kürzlich ein Arzt ein Stück Menschenhaut in der Grösse 65 mal 75 Zentimeter zur Verfügung gestellt habe, damit er eine grossformatige anatomische Abhandlung von B. S. Albinus mit Zeichnungen des Künstlers Jan Ladmiral darin einbinde. Das wertvolle Werk kam 1932 in den Besitz der Lane Medical Library.

Eine der grössten Sammlungen von medizinischen Werken mit Einbänden aus Menschenhaut befindet sich heute im anatomisch-pathologischen Museum des College for Physicians in Philadelphia – nicht etwa im Depot, sondern am Beginn des Rundgangs. Auf einem der Einbände liest man den Vermerk: «human skin leather tanned 1863». Sogar ein Portemonnaie, das aus gegerbter Menschenhaut hergestellt wurde, ist in der Ausstellung zu sehen.

Ethische Selbstverpflichtung

Bei den meisten Besuchern dürfte sich beim Betrachten dieser Exponate ein leichtes Gruselgefühl oder Irritation einstellen, zumal man mit seinen Eindrücken allein gelassen wird. In der Vitrine vermisst man jeden Hinweis auf den Kontext oder gar auf die ethische Problematik der Zurschaustellung menschlicher Organe oder Gewebe, die in jener Zeit meist ohne Zustimmung der betreffenden Person – und nicht nur zu wissenschaftlichen Zwecken – entnommen wurden. Vorbildlich ist dagegen die Harvard Law Library, die ebenfalls ein Buch mit einem Einband aus Menschenhaut besitzt, in diesem Fall eine juristische Abhandlung aus dem 17. Jahrhundert. Das Buch ist nur dann zu besichtigen, wenn jemand ein ernsthaftes wissenschaftliches Interesse geltend machen kann. Doch bevor sich Sammlungen und Bibliotheken in aller Welt einer solchen ethischen Selbstverpflichtung unterwerfen, gilt es, in den eigenen Beständen nach einschlägigen Bucheinbänden zu suchen und problematische Funde nicht zu verschweigen.

Prof. Dr. Robert Jütte leitet seit 1990 das Institut für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung in Stuttgart.

 

 








By Richard Avedon







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