

Einer, der etwas trägt, ist ein Träger. Nein, nicht um Damen- oder Herrenmode soll's hier gehen. Auch nicht um Gepäckträger, die ja ziemlich ausgestorben sind, denn Demokraten schleppen ihre Koffer selber. Und ebenfalls nicht um Wasserträger, das wäre ein Problem der dritten Welt, viel zu weit entfernt, um uns unmittelbar zu betreffen. Auch die sogenannten Leistungsträger, in Wirtschaftskreisen höchst favorisiert, sollen links liegenbleiben, ebenso Flugzeugträger, ganz zu schweigen von irgendwelchen Preisträgern, die vornehmlich in Kunstgefilden herumpfauen.
Nein, es geht vielmehr um eine Spezies von Trägern, die (zumal in schlechten Zeiten) stark im Kommen ist, deren Tragfähigkeit durch erhebliche Traglast herausgefordert wird – es geht um die Klasse der Hoffnungsträger.
Man trifft sie vornehmlich unter Politikern an. Herr Gerhard S. ist ein (wenn nicht überhaupt der) Hoffnungsträger der SPD, während die Grünen alle ihre Hoffnungsträger bereits verschlissen haben (einer ging in Feinschmeckerlokalen verloren). Wer an die Macht will, braucht Hoffnungsträger; wer die Macht hat, kann getrost auf sie pfeifen.
Auch im Sport und in der Kultur wimmelt es von Hoffnungsträgern, wenn es um ‹das große Ganze› geht: um den Fußball, um das Boxen, um die Literatur, um den Film, um die Kunst — und dann verglühen diese Meteore rasant, über Nacht. Ein undankbarer Job: Hoffnungsträger.
Und welch ein Wort: Hoffnungsträger! Man lasse es sich auf der Zunge (und im Kopf zergehen: Hoffnungsträger ... Hoffnungsträger ... Hoffnungsträger. Stemmt da nicht Atlas den Globus? Und: Hat dieses Wort nicht etwas — Eschatologisches? Etwas vom Erlöser, auf dessen Schultern die Hoffnung der Welt (und gleich der ganzen) ruht? Hoffnungsträger zu sein, bedeutet den Gipfel der Trägerkultur. Warnung: Nur nicht sich verheben! Keine Haftung bei Wirbelsäulenschäden.

Ernst Bloch hat uns das Prinzip Hoffnung eingebleut, wortstark und vielhundertseitig. Volkes Meinung ist — grenzenlos — solcher Botschaft gegenüber eher skeptisch. In Rußland dachte oder denkt man: «Auf der Wiese der Hoffnung weiden viele Narren.» In England spottet oder spottete man: «Wer von der Hoffnung lebt, tanzt ohne Musik.» Und hierzulande heißt es im Sprichwort: «Die Hoffnung ist ein langes Seil, an dem sich viele zu Tode ziehen.»
Fazit: Machen. Jetzt. Gleich. Nicht hoffen, nicht hoffen lassen. Lieber der magere Spatz in der Hand als die fette Taube auf dem Dach. Dann blendet — hoffentlich — bald auch nicht mehr der messianische Talmiglanz des sinister-unaufgeklärten Wortes Hoffnungsträger, das sich so pathetisch bläht.
*
Vom Warten
Anscheinend gehört das Warten zur Conditio humana wie die Wespen zum Pflaumenkuchen. Religionsgläubige warten inbrünstig aufs erlösende Heil im Transzendentalen, und wir gewöhnlichen Atheisten kommen auch nicht ungeschoren davon.
Bauern warten meistens auf besseres Wetter, und in den unwirtlichen Städten wartet man an roten Ampeln: wer hier täglich nur vier Minuten wartet, hat im Monat zwei Stunden Lebenszeit verplempert und im Jahr einen vollen Tag.
Ganz
zu schweigen vom Warten in Autobahnstaus, vom Warten vor Supermarktkassen und
amtlichen Schaltern, vom Warten auf Straßenbahnen und Busse (nicht
Buße), Züge und Flugzeuge, vom
Warten darauf, daß etwas anfängt: ein Konzert, eine Theateraufführung, ein
Kinofilm — das dürfte jährlich schon ein paar Wochen kosten. «Wer warten kann,
hat viel getan», raunt ein Sprichwort — und impliziert das Wartenkönnen auch
noch als vermeintliche Tugend.
Die deutsche Sprache differenziert sehr subtil überdachte Örter des Wartens: Wartezimmer, Wartesaal und Wartehalle. Um dies unseren ausländischen Freunden, die gerade einen Deutschkurs besuchen, paradigmatisch zu verdeutlichen: Im Wartesaal des Arztes waren weniger Leute als im Wartezimmer des Flughafens oder in der Wartehalle des Bahnhofs. Alles klar?
Im Spanischen ist unser ordinär-deutscher Wartesaal eine Sala de espera (im Französischen gibt's eine Analogie), und das Wort espera bedeutet auch Hoffnung: wer wartet, hofft, erwartet etwas. Und plötzlich umweht uns der Hauch des Existentiellen. «Im Wartesaal zum großen Glück, da warten viele, viele Leute» — so tönte, ziemlich depressiv, vor Jahrzehnten ein Chanson (meistens im Radionachtprogramm) und dürfte nicht ohne Einfluß auf die Selbstmordstatistik geblieben sein.
Existentielles Warten: Schlimm genug, wenn man den Freund oder die Geliebte bei einer Verabredung warten läßt; wesentlich ätzender noch, wenn ein Petent, ein Arbeitsloser zum Beispiel, auf seine Bewerbung monatelang keine Antwort erhält — da wird die Warteschlange leicht zur finalen Schlinge.
Ein Großmeister der Wartefolter ist Samuel Becketts ominös-numinoser Godot, der seine Klienten Estragon und Wladimir ad infinitum warten läßt. Godot, Archetyp des Jahrhunderts offenbar, ist ein sadistischer Flegel.

Wer wartet, mutiert im Grunde vom aktiven Subjekt zum passiven Objekt, denn er wird gewartet, ist, im philosophischen Sinne, ein Gewarteter. Jemanden warten zu lassen, ist eines der gemeinsten Herrschaftsinstrumente der Mächtigen. Grausame Vorzimmerdiktatur.
Nicht selten sind Mächtige selbst von langem Warten gekennzeichnete (und also ungeneröse) Emporkömmlinge; auch in Amt und Würden bleiben sie, was sie immer waren: Proleten ohne Manieren. Den ehernen Grundsatz Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige (sogar bei ihrer Hinrichtung, früher) kennen diese häßlichen Demokraten naturgemäß nicht.
Warten wir also auf bessere Zeiten. In der postkapitalistischen Gesellschaft wird — selbstverständlich! — auch das Warten abgeschafft sein. Alles gibt's dann für alle gleich, sofort, auf der Stelle — und wer's nicht glaubt, den sollen die Pflaumenkuchenwespen stechen!
*
Noch immer gilt der bombastische Spruch: «Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.» Humbug.
Der
römische Philosoph Lucius Annäus Seneca, kurz Seneca, geboren im Jahr 4 vor
unserer Zeitrechnung und gestorben im Jahr 65 durch Selbstmord, in den ihn
Kaiser Nero trieb, schreibt zur moralischen Aufrüstung in seinen ‹Briefen an
Lucilius› genau das Gegenteil. Schließlich war der Mann kein Dummkopf.
In der Epistel 106 heißt es im Original: «Quemadmodum omnium rerum, sic literarum quoque intemparantia laboramus: non vitae, sed scholae discimus.» Und die Übersetzung davon lautet: Wie in allem, so leiden wir auch in der Wissenschaft an Unmäßigkeit: nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.
Wer den armen Seneca so infam verfälscht hat, dürfte namentlich kaum mehr festzustellen sein. Bestimmt war es keine philologische Schlampigkeit, kein Übersetzungsfehler, sondern ein vorsätzlicher pädagogischer Akt irgend eines autoritären Schulmeisters im 19. Jahrhundert. Hier ist ein Überzeugungstäter am Werk gewesen.
Fest etabliert hat sich die Fälschung bereits 1876 in Karl Friedrich Wilhelm Wanders ‹Deutschem Sprichwörter-Lexikon›, einem «Hausschatz für das deutsche Volk», Neuauflage 1964. Und die Fälschung, mit Seneca als angeblichem Urheber, geistert bis heute weiter auch durch neueste seriöse Lexika: sicher zur Freude vieler Pauker und auch vieler Eltern ...
Aber der gute alte Büchmann rettet in seinen Geflügelten Worten Senecas fast verlorene Ehre, indem er korrekt zitiert: «Non vitae, sed scholae discimus — Nicht fürs Leben, für die Schule bloß lernt man!» Und fügt treuherzig hinzu: «Natürlich äußern wir solche ketzerische Ansicht nicht unseren Kindern gegenüber [...].»
*
Die einzige Straße aus dem Ort hinaus, an der hinduistischen Totenverbrennungsstätte vorbei (die Fremde irrtümlich gerne für einen Barbecue-Grillplatz halten), dann rechts abbiegen, die Dünen hochstapfen, und oben ist das Ziel schon erreicht: die Strandhütte am Candolim Beach im indischen Goa.
Die Bude hat eine überdachte Veranda; ein paar Tische und Stühle stehen mitten im Sand, also: keine Pumps! Reggae-Musik von mittags bis nachts, viel Bob Marley. Immer eine Temperatur von 35 bis 40 Grad. Abends vertreten sich heilige Kühe im flachen Wasser die Beine und kühlen sich die Waden. Wahrscheinlich die kitschigsten Sonnenuntergänge der Welt, wie sie selbst Hollywood niemals hinbekäme. Nie.

In der Strandhütte wird immerzu Fisch gebrutzelt, der köstlichste heißt Pomfrit, was bei den Touristen oft zu Mißverständnissen führt. Und man trinkt Fenny, einen aus Cashew-Nüssen destillierten Schnaps, der, im Flachmann serviert, wie Brackwasser riecht — und auch so schmeckt. Fenny jedoch macht lustig (und manchmal blind).
Man muß viel Fenny trinken und darf den Joint nie ausgehen lassen, um den Gedanken ertragen zu können, daß es den Ozean immer noch geben wird, wenn wir schon längst nicht mehr sind und nie gewesen sein werden.
*
Eines der größten Mysterien in dieser Vernunftzeit ist das Phänomen »Charme«. Wir gebrauchen den Begriff in all seinen sprachlichen Erscheinungsformen ziemlich gedankenlos, aber höchst bewundernd oder sehnsuchtsvoll, wie es scheint - als ob es um eine Adelung ginge oder zumindest um eine Ordensverleihung besserer Klasse. Was ist Charme? Laut Wörterbuch hat man darunter ein »bezauberndes, gewinnendes Wesen« zu verstehen. Etymologisch lässt sich »Charme« herleiten vom lateinischen »carmen«, und dieses Wort bedeutet nicht nur »Gesang, Lied, Gedicht«, sondern auch »Zauberspruch, Zauberformel«.
Also: Simsalabim!
Eine Sie oder ein Er »hat viel Charme«, »besitzt hinreißenden Charme«, der manchmal sogar »ererbt« ist (von einem geheimen Nummernkonto der Ahnen: steuerfrei). Dieser »eigene, persönliche« Charme ist ein Kapital, denn er »gewinnt alle«, weil er »so liebenswürdig, unwiderstehlich, verführerisch« ist und im schlimmsten Fall »natürlich«.
Dabei handelt es sich keineswegs nur um den berüchtigten »diskreten Charme der Bourgeoisie«, die ihn »lässig ausstrahlt«, »gepaart mit Chic« und »voller Eleganz«. Oscar Wilde meinte, in seinen besseren Zeiten: »Alle charmanten Leute sind verwöhnt, darin liegt das Geheimnis ihrer Anziehungskraft.«
Es gibt aber auch Personen, die »nicht ohne« Charme sind, von denen »ein gewisser« Charme ausgeht, und die müssen gar nicht erst ihren »ganzen Charme spielen lassen, entwickeln, aufbieten«. Einem solchen Charme kann man ebenso »erliegen«, wenn nicht sogar »verfallen«. Diesen Reiz üben nicht nur Menschen aus. Auch Städte und Landschaften »entzücken« mit ihrem Charme: Wien, zum Beispiel, das auf Charme geradezu abonniert ist, oder Paris, das traditionell sowieso Charme hat, von der Toskana ganz zu schweigen. Dagegen hat Gelsenkirchen es schwer.
Einer, der Charme »verströmt«, wird Charmeur genannt. Das ist ein »Mann, der die Frauen durch sein gewinnendes Wesen für sich einzunehmen versteht«, laut Wörterbuch (für das die Welt heterosexuell noch in Ordnung ist).
Besonders hüte man sich vor den »ausgesprochenen« Charmeuren, die schon als solche bekannt sind: gern werden sie auch als »Charmebolzen« bezeichnet, wenn sie »charmant plaudern« können und sich auch sonst »von ihrer charmanten Seite« zeigen. Kommen sie in die Jahre, gelten sie bestenfalls als »alte Charmeure« oder verzehren ihr Gnadenbrot als »charmante Großväter«.

Nicht gerade sehr charmant geht die Sprache, gehen ihre Erfinder und Benutzer mit dem weiblichen Pendant des Charmeurs um. Als »Charmeuse« bezeichnet man »maschinenfeste Wirkware aus Kunstseide oder synthetischen Fasern«, aus der Unterwäsche hergestellt wird: Dessous. So sieht also die Reverenz vor der Frau aus, der wir - mutmaßlich - das Wort »charmant« verdanken. Aber sie ist ja auch eine Mann-Phantasie.
1696 erschien Christian Reuters abenteuerlicher »Schelmuffsky«-Roman, in dem der Titelheld für eine »Dame Charmante« entflammt, und die ist eine ziemlich lockere Lose, um nicht zu sagen: schockcharmant.
So hat Grimms Wörterbuch für »charmant« und »charmieren« auch nur spärliche sechs Zeilen übrig: dort ist »die charmante, die geliebte«; und auch Zitatbeispiele wie »charmante Seele« oder »er hat ihr einen charmanten Brief geschrieben« richten ja wohl kaum Unheil an.
Etwas skandalöser erscheint da schon die eigenwillige Charme-Vorstellung Arthur Schopenhauers: »A.: Wissen Sie schon das Neueste? B.: Nein, was ist passiert? A.: Die Welt ist erlöst! B.: Was Sie sagen! A.: Ja, der Liebe Gott hat Menschengestalt angenommen und sich in Jerusalem hinrichten lassen: dadurch ist nun die Welt erlöst und der Teufel geprellt. B.: Ei, das ist ja ganz scharmant.«
Vorsicht, Charme! Er ist etwas sehr, sehr Suspektes. Die Filmschauspielerin Cathérine Deneuve, die nicht nur schön ist, sondern anscheinend auch gescheit, befand: »Charme und Perfektion vertragen sich schlecht miteinander. Charme setzt kleine Fehler voraus, die man verdecken möchte.« Diese Erkenntnis ließe sich mit einem ähnlichen Bonmot konkretisieren: »Charme ist jene Gabe, die andere vergessen lässt, dass man aus dem Munde riecht.«
So scheint Charme (auf den solipsistische Eremiten sicher gern pfeifen) eigentlich nie interesselos und zweckfrei zu sein: Wenn jemand »alle Register seines Charmes zieht«, dann müssten im Grunde rote Warnlichter aufblinken und sämtliche Sturmglocken läuten, bevor wieder ein verhextes Opfer — im Büro oder im Schlafzimmer- aufs Kreuz gelegt wird und auf der Strecke bleibt. Charme kennt kein fair play. Nach Spinnenart »wickelt er ein«. Curt Goetz: »Ob die Liebe ein Glück ist? Jedenfalls ist sie das charmanteste Unglück, das uns zustoßen kann.« Na ja, immerhin.
Charme hat etwas mit unseliger Operettenseligkeit zu tun: »Ich küsse Ihre Hand, Madame ...« - fehlt nur noch Johannes Heesters im Frack. Der polnische Dichter Witold Gombrowicz möchte uns mit seinem bösartigen Theaterstück »Operette« dieselbe austreiben. Eine der Hauptfiguren heißt »Graf Charme«. Der ist sehr anachronistisch und dekadent. Man liebt ihn auf der Stelle.
Deshalb sollte Max Frisch nicht so säuerlich tönen: »Charme zur Haltung gemacht, ist etwas Fürchterliches. Waffenstillstand mit der eigenen Lüge.« Klar: Lüge. Natürlich alles Lüge.
Aber Hauptsache, sie ist charmant.
*
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Etwas zum Fax & Faxen
Eine Anekdote: Der stolze
Neubesitzer eines Telefaxgerätes erprobt den Apparat zum erstenmal, und beim
Empfänger kommt ein und dasselbe Jungfernfax zehnmal, fünfzehnmal an. Beim
zwanzigstenmal telephoniert der genervte Adressat mit dem Absender, um den Grund
für die unendliche Geschichte zu erfahren, und kriegt zu hören: «Mein Faxgerät
muß defekt sein, das Blatt kommt bei mir aus dem Ding immer wieder heraus ...»
Aller Faxanfang ist schwer —
unkt ein Faxgerätehersteller in seinem Werbeprospekt. Wohl wahr; auch wenn das
Faxen selbst später dann kinderleicht ist.
Jedoch auch mit Gebrauchsanweisung stellt die Programmierung der Kennung den
Intelligenzquotienten auf eine harte Bewährungsprobe: eine Stunde Lebenszeit
sollte man dafür schon einkalkulieren — ich kenne sogar Leute, die brauchten
dafür etliche verzweifelte Stunden, ja, Wochen, Monate! Nur ein genialer
Irrsinniger kann sich den Programmiermodus ausgedacht haben — Genie und Wahnsinn
logieren immer noch unter demselben Dach.
Nun gehöre ich also auch zur
glücklichen Faxgemeinde in Deutschland. Faxten hierzulande 1983 nur 13.200
Avantgardisten, so waren es 1993 bereits 1,32 Millionen, eine Verhundertfachung!
Und
wir werden jeden Monat
20.000 mehr, inzwischen dürfte längst die 1,5-Millionen-Grenze überschritten
sein. Laut Telekom werden jährlich rund drei Milliarden DIN-A-4-Seiten durch die
deutschen Leitungen gejagt, jeder Anschluß kommt — statistisch gesehen — auf
rund 2.000 Blatt. Aber immer noch muß die traditionelle Briefpost jährlich an
die 16 Milliarden Sendungen befördern.
Mein Telefax-Zauberkasten hat
die Größe einer Reiseschreibmaschine und wiegt etwa drei Kilo, das Gehäuse ist
schwarz. Nur fünf Tasten hat das Gerät und sieben Funktionsblinklichter. Mit der
ersten Taste entscheidet man, ob die sogenannte Faxweiche automatisch aktiviert
werden soll, wenn über dieselbe Leitung ein Telephonat oder ein Fax ankommt; mit
der zweiten Taste kann man bei verminderter Übertragungsgeschwindigkeit die
Übermittlungsqualität, etwa bei graphischen Darstellungen, optimieren; mit der
dritten Taste läßt sich für den Hausgebrauch photokopieren. Wenn man mit der
Rückseite nach oben ein Blatt in den schmalen Schlitz eingelegt hat — und nur
Freudianer haben abwegige Assoziationen —, druckt man den daumengroßen grünen
Trapezknopf — und ab geht die Post! Eine warnrote dreieckige Stoptaste für den
Fall, daß das Alarmlicht blinkt und ein klagendes Piepsen ertönt — dann ist die
Leitung zum Empfänger nicht zustande gekommen, oder die Rolle mit dem eigenen
Faxpapier ist mal wieder zu Ende.
Natürlich gibt es wesentlich
elegantere (und also teurere) Faxgeräte als meins, die haben ein chices Display,
in dem die gewählte Empfängernummer ablesbar ist, haben ein integriertes
Telephon, was außer im Büro kaum überbietbar unpraktisch ist, wie man hämisch
feststellen muß: nur ein Büromensch läßt sich fesseln. Aber einen
unbestreitbaren Vorteil besitzen Luxus-Faxgeräte (ab ca. 1.200 Mark) schon: sie
funktionieren mit Normalpapier per Tintenstrahl- oder Laserdrucker und nicht mit
diesem ekelhaften fludderigen Thermopapier von der Rolle per Hitzedruck, das
sich so zombiehaft anfühlt, bei dessen Berührung jeder Ästhet Krätze kriegt, auf
dem die Schrift so rasch verbleicht und das höchst umweltschädlich ist. Der
Schweizer Schriftsteller Matthias Zschokke: «Ein Fax ist unter unserem
ästhetischen Niveau: es hat nichts zu tun mit rahmengenähten Lederschuhen,
English Lavender, Seidenunterhosen usw. — es ist schäbigste
Fast-Food-Korrespondenz!»
Der interessierte Laie möchte
selbstverständlich wissen, wie das Telefaxen technisch funktioniert. Ich auch.
Da schreibt man am besten doch bei der Deutschen Telekom ab: «Das Telefax-Gerät
wandelt Ihre Schrift- oder Bildvorlage fotoelektronisch in Rasterpunkte um, die
als elektrische Signale übertragen werden. Das Empfangsgerät kehrt den ganzen
Vorgang wieder um, und der Empfänger erhält eine originalgetreue Kopie, ein
fernkopiertes ‹Faksimile›.»
Eine wunderbare Erklärung, so
knapp und einleuchtend, daß sie auch 80jährige Mütter begreifen. Und als ein vom
altsprachlichen Gymnasium Gebeutelter füge ich noch hinzu: tele, aus dem
Griechischen, heißt soviel wie fern (Television, Telegraphie, Telepathie), und
fac simile, aus dem Lateinischen, bedeutet
mache ähnlich!
Aber trotzdem weiß ich immer
noch nicht (auch wenn mir durchaus klar ist, daß Faxbotschaften nicht
geschreddert auf die Reise gehen), wie die winzige Frau in mein Faxgerät
hineingekommen ist, die mit quäkender Stimme plärrt: Bitte warten Sie! Ihr Anruf
wird weitergeschaltet! Möchten Sie ein Fax senden, drücken Sie jetzt die
START-Taste!
Die Gelehrten sind sich
uneins, wer denn nun der wahre Erfinder ist. Die Telekom nennt in ihren
Unterrichtsblättern für den Nachwuchs den Engländer Frederic Collier Bakewell,
der 1847 erste Übertragungsversuche mit «Copiertelegraphen» zwischen London und
Slough unternahm. Das britische Fernsehen hingegen favorisierte den Schotten
Alexander Bain, der sich 1843 ein elektromagnetisches Gerät patentieren ließ,
dessen bewegliche Teile aus Rinderknochen bestanden, das jedoch erst 23 Jahre
später zwischen Paris und Lyon ausprobiert wurde. Der sogenannte
Pantélégraphe arbeitete mit
beschichtetem Eisenblech statt Papier und war schneckenlangsam, so daß er mit
dem Telegraphen von Samuel Morse nicht konkurrieren konnte. Immerhin inspirierte
er den Spiegel noch 150 Jahre
später zu der Titelei «Fax mit Knochen».
1869 präsentierte der Franzose
Gyot d'Arlingcourt einen «Copiertelegraphen», der folgendermaßen funktionierte:
«Das zu übermittelnde ‹Telegramm› wurde mit nichtleitendem Firnis (Lack) auf
eine Metallfolie geschrieben oder in eine lacküberzogene Folie eingekratzt, auf
eine drehende Trommel aufgespannt und von einem Abtastgriffel, der ... längs der
Trommel bewegt wurde, abgetastet. An der Empfangsstation wurde ein mit
blausaurem Kalium getränkter und mit verdünnter Salzsäure befeuchteten — und
damit leitender — Papierbogen auf die Walze aufgespannt und der Abtastgriffel
entlang der rotierenden Trommel bewegt. Durch elektrolytischen Stromdurchflug
wurde das Aufzeichnungspapier eingefärbt.»
In Deutschland taten sich —
erst Anfang dieses Jahrhunderts — die beiden Physiker Arthur Korn und August
Karolus bei der Entwicklung des Telefaxens hervor; 1928 war erstmals das
«Wetterfax» des Dr. Bodo Hell aus Kiel im Einsatz («Hellschreiber»), 1929 wurde
ein «öffentlicher Bildtelegraphendienst» eingeführt. Und am 1. Januar 1979
begann in Westdeutschland die Einführung des Telefaxdienstes und wurde in
Frankfurt am Main ein Telefax-Test-Center eingerichtet — das Kind ist also noch
nicht einmal volljährig, hat sich inzwischen aber zu einem Riesenbaby
ausgewachsen, obwohl die technische Entwicklung von der deutschen Industrie
verschlafen und Japan überlassen wurde.
Es dürfte nur noch eine Frage
der Zeit sein, bis die ‹Gelbe Post› in Deutschland von der Papierzunge des
Zauberdrachens verschlungen sein wird. Momentan stehen in Postdiensten 100.000
Briefzusteller, die jährliche Personalkosten von (vorsichtig geschätzt
mindestens fünf Milliarden DM verursachen; insgesamt dürften die Aufwendungen
für Briefbeförderung im zweistelligen Milliarden-DM-Bereich liegen. Es ist
absehbar, daß sie in naher Zukunft nicht mehr rentabel sein wird, wenn nicht
horrende Porti verlangt werden.
Wirtschaftlicher lassen sich
die 35 Millionen bundesdeutschen Haushalte mit Schriftpost via Telefax versorgen
(31 Millionen Telefonanschlüsse sind bereits verfügbar). Selbst wenn die
Telekom, die dann die klassische Post-Aufgabe übernähme, jedem Haushalt im Lande
ein Faxgerät kostenlos (oder gegen Kostenbeteiligung) zur Verfügung stellte,
hätte sich eine solche Investition binnen kurzem amortisiert, wenn man bedenkt,
daß es schon jetzt ein ‹Volks›-Faxgerät bei der Firma Saturn zum absoluten
Dumping-Preis von 220 Mark(!) gab, wobei sich dieser Preis bei massenhafter
Verbreitung gewiß noch um mehr als die Hälfte reduzieren ließe. Dann würden die
gesamten Investitionskosten nicht einmal zehn Milliarden DM betragen. Längst ist
das Faxgerät kein Luxusgegenstand mehr für Priviligierte, sondern bereits heute
fast Gebrauchs- und Wegwerfartikel wie CD-Player, Kaffeemaschinen oder
Staubsauger. Es lebe der Faxismus!
Und keine Angst: auch das
Faxgeheimnis soll wasserdicht werden wie das Briefgeheimnis. Jüngst präsentierte
die Firma Siemens ein Zusatzmodul für Faxgeräte: mittels einer Chipkarte wird
die Übermittlung des Faxes verschlüsselt, so daß kein Unbefugter die Leitung
anzapfen und mitlesen kann.
Und im Büro und im familiären
Bereich lassen sich eingehende Faxe speichern und erst durch ein Paßwort des
befugten Empfängers abrufen. Auch das schon heute vielfach praktizierte
papierlose Faxen von Computer zu Computer läßt Diskretion walten.
Rechtlich sind noch nicht alle
Fax-Probleme gelöst. Zwar kann kann man per Fax rechtsverbindlich Kaufverträge
abschließen oder Warenbestellungen vornehmen, aber wenn das Gesetz die
Schriftform vorschreibt, muß ‹die Urkunde› nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch
‹eigenhändig› unterschrieben sein, reicht die Kopie der Unterschrift nicht aus,
etwa bei Bürgschaftserklärungen, Vollmachtserteilungen etc. Auch bei einen
Mahnbescheidsantrag muß das amtliche Formular im Original eingereicht werden
(ein milder Trost; dasselbe sollte künftig, wenn der Faxismus monopolisiert ist,
auch für Parkstrafzettel, diese gräßlichen ‹Knöllchen›, gelten). Und wichtig zu
wissen noch: Als Beweismittel vor Gericht reicht das Sendejournal mit Datum,
Faxnummer des Empfängers und technischem ‹OK›-Vermerk nicht aus, da sich eine
solche ‹Quittung› leicht manipulieren läßt.
Die Abschaffung der
traditionellen Briefpost hätte ein paar kuriose Nebenwirkungen: für
Philatelisten gäbe es keine deutschen Briefmarken mehr zu sammeln (Paketpost
wird ja nicht frankiert, sondern direkt am Schalter bezahlt), aber
tränenüberströmte Sammelwütige könnten ja auf dann einzuführende Paketmarken,
auf Telephonkarten oder Kaffeesahnedeckel umsteigen, um größere psychische
Schäden zu vermeiden; und kläffende bißfreudige Köter müßten sich andere Waden
als die der Briefträger suchen; auch werden die Beine der deutschen Menschheit
schrumpfen, wenn der elastizierende Fitneß-Gang zum Briefkasten oder zur Post
entfällt; und es gibt keine in Büchern veröffentlichten Briefwechsel von
Dichtern mehr, denn wer will schon Gesammelte Faxe lesen? Aber als Ausgleich
gibt es inzwischen ja bereits eine Fax-KUNST.
Ein Sonderproblem stellt die
allseits so beliebte Postkarte dar. Da muß noch die flexible einseitige Faxkarte
erfunden werden. Warum nicht? Wenn man eines Tages auch allgemein in Farbe faxen
können wird (die Technik existiert bereits) ... — natürlich wird es in jedem
besseren Hotel der zivilisierten Welt einen Faxautomaten geben! Tante Waltraut
in der Heimat braucht einen Gruß ihrer Lieben nicht zu entbehren!
Man muß also kein großer
Prophet sein, um fürs 21. Jahrhundert das Ende des traditionellen Briefverkehrs
vorauszusagen. Der Postmann wird nicht mehr zweimal klingeln, wie ja auch die
transzendentale Herkunft der Postboten, der einst als
angelos vom Himmel fiel, längst
anachronistisch ist, in entgotteten Zeiten. Den Platz der Metaphysik hat
triumphierend die ‹Elektrophysik› übernommen (mein Faxgerät hat den ingeniösen
Transit-Namen TELESUS).
Die Wirtschaft hat die Vorzüge
des Faxens für die geschäftliche Kommunikation auf Anhieb erkannt und
realisiert. Auch aus dem Pressewesen ist das Faxen intern nicht mehr wegzudenken
(hochsensible Redakteure in kulturellen Elfenbeintürmchen allerdings murren noch
— aber schon leiser). Andererseits bietet seit Oktober 1995 die Süddeutsche
Zeitung in Zusammnarbeit mit der Financial Times einen Wirtschaftsdienst per Fax
an: «SZ-Finanz» heißt das elektronische Medium, das über Finanzmarkt-Ereignisse,
die erst spätabends oder nachts bekannt werden, brandaktuell informiert.
Es braucht noch etwas Zeit, bis auch traditionalistische Individualisten die
Vorteile des Faxens erkennen und sich von ihm nicht mehr bloß in ihrer privaten
Ruhe gestört fühlen (das war bei der Einführung des Telefons nicht anders).
Selbst ein wertkonservativer Schöngeist wie der bereits oben zitierte Autor
Matthias Zschokke mußte schließlich einräumen. — «... habe mich an das Gerät
gewöhnt und es angenommen (es ging mir wie Katzen, die sich erst bis aufs Blut
bekämpfen — und irgendwann nehmen sie sich an und lieben sich bis ans
Lebensende).»
Faxen ist auch ein
demokratisches Medium: Rundfunk und Fernsehen haben das längst erkannt, indem
sie Meinungen ihrer meist jüngeren Klientel per Fax abfragen; ebenso läßt sich
einen unfähigen Politiker mit einem Fax kurz und bündig der Marsch blasen; und
als Verbraucher kann man dem Hersteller stante pede den Unmut über ein
miserables Produkt ins Auftragsbuch schreiben («Ihr matschiger versalzener
Thunfisch aus Ecuador kann mit dem knackigen aus Indonesien in keiner Weise
konkurrieren!») — alles Aktionen, für die ein Telephonat zu intim und ein
postalischer Brief zu aufwendig wäre.
In seinem Buch
Die Schrift (Frankfurt am Main 1992)
handelt der Kulturphilosoph und Zukunftsforscher
Vilém Flusser im 13. Kapitel über das
Phänomen Briefe, analysiert luzide und mit kritischer Sorge die radikalen
Umwälzungen, die in diesem Bereich der Kommunikation auf uns zukommen werden:
«Netze, die sich nicht mehr
auf die Erde stützen müssen, sondern die stützenlos in Feldern schwingen, sind
Träger intersubjektiver Botschaften geworden. Die Festlichkeit und das Geheimnis
des Briefeschreibens lösen sich auf. Die existentielle Einstellung des Wartens,
des Abwartens, des Erwartens ist angesichts der kosmischen Simultaneität der
elektromagnetisch übertragenen Botschaft überflüssig geworden. Hoffen ist nicht
mehr Erwarten, es ist Überraschtwerden geworden. Es hat allen Sinn verloren,
Briefe zu schreiben. ... Die Kunst des Briefeschreibens verlernen wir, während
wir die neue Kunst der Intersubjektivität, die Computerkunst, noch nicht gelernt
haben. Man entzieht uns den Brief (wobei dieses ‹man› gesichtslos ist, aber
verschiedene Masken trägt), und wir fallen in die bezugslose Masse; gleichwohl
erahnen wir, daß die Massenmedien sich in intersubjektive, briefartige Medien zu
verzweigen beginnen. Nur diese dumpfe Ahnung, für die das Wort Hoffnung zu stark
ist, erlaubt uns, dem Untergang der Briefe und der Post entgegenzusehen.»
(Der Aufsatz erschien 1996;
rasanter technischer Fortschritt: in der Zwischenzeit ist das Fax längst
verdrängt worden von der E-Mail.)
*
Lange schon wollte ich nach Madeira. Untrüglicher Beweis: ein wieder gefundener
Polyglott-Reiseführer von 1976, in dem Gustaf Gründgens, der sich während seiner
letzten Lebensjahre in die Insel verliebte, mit dem ultimativen Satz zitiert
wird: „Hier ist es wunderbar!“.
Aber ich bin immer wieder an Madeira vorbei geflogen und lieber auf den Islas
Canarias ausgestiegen. Und kam nun immer noch mit Verfrühung zur Unzeit auf
Madeira an: meine Mitreisenden im Flieger fast alle rüstige Senioren im späten
Pensionsalter und etliche so betagt, dass sie schon mit der „KdF“-Flotte
Madeira hätten besucht haben können.
Auch das touristische Restpublikum der Insel (außer Deutschen hauptsächlich
Skandinavier, Engländer und Niederländer) wandelt im Lebensabendglanz. Bei der
Ankunft regnet es cats and dogs (wohl eines der berühmt-berüchtigten
Azorentiefs), und dabei bleibt es auch in den nächsten Tagen (was den Umsatz der
Schirmverkäufer in den Straßen der Hauptstadt Funchal in astronomische Höhen
treibt). Nicht grundlos eben grünt und blüht es überall dämonisch auf der Insel,
die eine wahre Fruchtbarkeitshölle ist.
Aber das soll mich nicht weiter stören, denn ich bin ja nur aus einem einzigen
Grund nach Madeira gereist: zum Teetrinken auf der legendären Teeterrasse des
1891 eröffneten “Reid’s Palace”, einem der “Leading Hotels of the World”, das
auf einer Landzunge am Stadtrand von Funchal liegt. Der Freilufttee wird täglich
von 15-18 Uhr serviert.
Man durchquert auf dickem Teppichboden die mit zahllosen Polstermöbeln
ausgestattete Lounge (die jedem Staubsaugervertreter glänzende Augen bescheren
dürfte und jeder Hausfrau Alpträume) und gelangt zur hohen Terrassentür, vor der
Nelson, ein smarter Anfangdreißiger, den Gast in tadellosem Deutsch (er hat eine
Zeitlang in der Wiesbadener “Ente im Lehel” gearbeitet) begrüßt: “Haben Sie
reserviert?” Ich habe (es ist hier durchaus nichts Ungewöhnliches, seine Teatime
per Fax oder Telefon eine Woche im voraus zu disponieren, der großen Nachfrage
wegen; Hausgäste genießen selbstverständlich immer Vorrang), und der Maître de
thé geleitet mich auf dem schwarzweißen Schachbrettboden zu einem der Tische.
Von denen gibt es variabel etwa zwanzig, alle weiß gedeckt. Dazu gehören
Korbsessel (mit Polsterauflage) für ungefähr 8o Personen, die auch jetzt
anwesend sind. Die Terrasse ist sanft gerundet, ihre Brüstung bildet eine Arkade
mit halbhohem Gitterstäben zwischen den einzelnen Pfeilern, damit niemand in den
Palmengarten hinunterfällt.
Der Maître de thé selbst überreicht dem Gast die edle Tee-Karte. Ich kann wählen
zwischen Earl Grey, Darjeeling, Ceylon, English Breakfast, Jasmine, Reid’s Blend
und entscheide mich aus Neugier für die Hausmischung (“Ein leichter. aber voll
abgerundeter Tee im Geschmack, passend zujeder Tageszeit”). Für empfindliche
Mägen stehen auch Kräutertees zur Verfügung und für moderne Banausen sogar
Espresso und Cappuccino.
Ein Kellner in weißem Jackett mit vergoldeten Knöpfen serviert.
Selbstverständlich ist das Geschirr erlesenes Wedgwood. Zur Kanne Tee (3-4
Tassen) gehören Sahne und verschiedene Zuckersorten, die barbarische Zitrone
fehlt. Naturgemäß mundet der Tee köstlich an einem Ort, wo man ihn nicht vulgär
trinkt, sondern nimmt.
In
der Lounge spielt dazu ein dezenter Pianist ein Potpourri aus Welthits der
siebziger Jahre (oder früher). Ach, lieber Hotelpianist sein im “Reid’s” auf
Madeira als Musiklehrer in Gelsenkirchen oder in... Ein Handy bimmelt, und
Nelson bringt es mit einem indignierten Blick zum Verstummen.
Ansonsten ist das elegant-leger gekleidete Publikum wohlgesittet: in der
Mehrzahl Leute, die “es geschafft haben”; kein Kindergebrüll, denn die eigene
Brut, so vorhanden, ist längst erwachsen. Die Gäste sehen nicht erschöpft aus
von Arbeit oder den hier so beliebten exzessiven Inselwanderungen, bei Wind und
Wetter im wasserdichten Anorak, oder gar von langen Spielcasinonächten.
“Industrielle und viel Adel”, raunt mir später Nelson zu, als ich versuche, ihn
auszuhorchen. Namen nennt er natürlich nicht. Ganz normale Voyageure: Ehepaare,
zum Beispiel, die sich nichts mehr zu sagen haben. Sie liest Stephen King, er
Zeitung.
Ein Damenkränzchen war zu Besuch beim letzten österreichischen Kaiser, der in
einer schäbigen Exilkiste in der armseligen Kirche des Bergdorfes Monte modert-
aber wenigstens mit grandiosem Meerblick. Talwärts fuhr man mit den
traditionellen Korbschlitten, gelenkt von ruppigen Gesellen, schmuddelig weiß
gewandet, auf dem Kopf ein Strohhut, Modell Kreissäge.
In
der Ecke der Terrasse ein griesgrämiger Herr mit Embonpoint. Warum hat er so
schlechte Laune? Denkt er etwa an die weltschlechteste Pizza im Yachthafen von
Funchal? Oder an andere Teller-Frugalitäten? Essen und Trinken auf Madeira
außerhalb der Nobelhotels würden Wolfram Siebeck wöchentlich mindestens drei
Schlaganfälle bescheren (wo Engländer jemals -und sei es in grauer Vorzeit-
einen Fuß hingesetzt haben, hinterlassen sie anscheinend eine kulinarische
Wüste: links auf dem Teller fades insulares Mischgemüse, rechts undeliziös Fisch
oder Fleisch; an den -meist- horriblen portugiesischen Weinen sind sie
schuldlos. Und da es Sherry von Sandeman gibt, ist auch der Madeirawein höchst
entbehrlich).
Ein japanisches Trio nimmt zur Teezeremonie an einem Balustradentisch Platz.
Alle in Kenzo-Schwarz, die Dame sogar bodenlang; alle stumm und alle mit
Leichenbittermiene. Ich freue mich auf ein Harakiri zur Abwechselung, aber es
bleibt aus. Obwohl die Filmkulisse perfekt ist, gehen keine Scheinwerfer an, und
kein Regisseur ruft: “Action, please!” Es fehlen die Stars. Winston Churchill,
der des öfteren im “Reid’s” logierte, trinkt hier schon lange keinen Tee mehr.
Wir Statisten bleiben unter uns.
*
Wir, die Neugierigen dieser Welt, durften, dank Vatican TV, einen flüchtigen
Blick in die Privatgemächer des neuen Pontifex werfen. Sie müssen vor seinem
Einzug erst noch renoviert werden, da sie anscheinend arg verwohnt sind, nach
einem Vierteljahrhundert JP II.
Vielleicht hätte man die Wohnung nach dem Todesfall nicht versiegeln, sondern
gleich mit der Renovierung beginnen sollen. Aber das hätte den neuen Bewohner um
die Chance gebracht, selbst zu bestimmen, was etwa in Resedagrün oder Altrosa
oder Himmelblau gestrichen werden soll. Benedikt XVI. als Innenarchitekt: Darf
er sich das Mobiliar selbst aussuchen oder muss er sich mit dem polnischen
Plunder arrangieren? Lässt er neue Bilder an die Wände hängen? Bei Kunstwerken
hat er die Qual der Wahl.
In
den Medien wurden bislang nur die eher unwesentlichen Fragen zum neuen Papst
zerkaut (Kondom- und Abtreibungsverbot, Zölibat, Frauenpriesteramt, ökumenischer
Schulterschluss), aber kaum jemand stellte die wirklich brennende Frage: Wie
viel verdient eigentlich der neue Vorstandsvorsitzende des global agierenden
Kirchenkonzerns? Mehr als die britische Königin? Mehr als Bush oder Schröder?
Mehr als Jürgen Schrempp? Lohnt sich das denn überhaupt?
Als Kardinal war Herr R. Angestellter des Vatikans und erhielt monatlich ein
krisenfestes Gehalt, das ihm vermutlich auf ein Konto der urigen Vatikan-Bank
überwiesen wurde (nebenbei: der Kölner Kardinal Meissner ist Gehaltsempfänger
des Landes NRW). Relativistisch gesehen, dürfte sich Herr R. nun als Chef
einkommensmäßig erheblich verschlechtert haben: das geht jetzt schon in Richtung
1-Euro-Job. Unvorstellbar ein Papst mit Portemonnaie oder Brieftasche. Unser
Schröder bezahlt beim Hundefriseur Udo Walz mit Kreditkarte.
Aber immerhin wird Herrn R. eine kostenlose Dienstwohnung (mit schönem Ausblick)
gestellt (inkl. Strom, Wasser, Telefon und Müllabfuhr) plus Arbeitskleidung. Und
etliches Personal. Und Freiflüge hat er auch. Nur: Aus welchem Topf bezahlt er
eigentlich weltliche Restwünsche? Vielleicht eine Rolex? Oder eine HiFi-Anlage
von Bang & Olufsen? Oder CDs aus den frommen Bach-Vivaldi-Mozart-Charts? Ist er
etwa auf Sponsoren angewiesen? Schlimm genug, dass der Musikliebhaber sein
wurmstichiges verstimmtes Klavier aus der alten Hütte herüberschleppen lassen
muss und sich keinen nigelnagelneuen Steinway leisten kann.
Herr R. speiste als Kardinal schon mal gern in einem besseren römischen
Ristorante. Dagegen ist nichts zu sagen. Nun steht er unter der strengen Knute
hutzeliger Nönnchen, die mutmaßlich nur über ein karges monatliches
Haushaltsgeld verfügen, das wahrscheinlich dem Lebenskostenindex angeglichen
ist. Die Bewirtung auf der After-Election-Party war eher eine kleinbürgerliche
Leibesversorgung und lässt Schmalhans ahnen: Bohnensuppe, Fleisch mit roten
Rüben, Aufschnitt und Brot, Äpfel (obwohl symbolisch kontaminiert). Und als Clou
(!): Eis und ein Glas Sekt. Kein Champagner. Himmel, gibt es denn keinen
formidablen Catering Service in Rom?
Das ist falsche (und verlogene) Bescheidenheit. Selbstverständlich hat der
etablierte Papst einen Sterne-Koch zu haben (trotz allen Hungers in der Welt).
Nicht immer nur fette Gans und Wodka. Sollte der Lebensstil des neuen Papstes zu
aufwendig werden, könnte Die Firma immer noch den Petersdom an einen
arabischen Scheich verkaufen und für die Messen zurückleasen, nach dem
Dortmunder Borussia-Modell.
Wie die Presse des englischen Erzfeindes enthüllte, raucht Herr R. gern („Puff
Daddy“). Werden die gestrengen Nonnen nun die Stangen rationieren? Es darf nicht
so weit kommen, dass der Papst aus Armut einen seiner jugendlichen Gläubigen
anhaut: „Hast du mal ’ne Kippe, mein Sohn, meine Tochter?“
Zur Not muss der Ex-Großinquisitor wohl auf das eigene Vermögen aus seinem
bürgerlich-klerikalen Vorleben zurückgreifen. Seine Buchhonorare dürften ihm
eine erkleckliche Summe beschert haben. Sie sprudeln und fließen munter weiter,
und jetzt erst recht: bei Amazon führt er die Bestsellerliste an, noch vor Harry
Potter. Mit diesen Erlösen darf UNSER MANN IN ROM guten Gewissens privatisieren,
wenn er Feierabend hat: kein Papstbier aus seinem Geburtsort Marktl, es darf
dann auch schon mal eine bessere Flasche Châteauneuf-du-Pape aus dem Weinberg
des Herrn sein, vorm Fernseher oder beim Internet-Surfen. Sogar im weißen
Bademantel. Aber auch ein lila Armani-Cashmere-Pulli und eine schwarze
Ermenegildo-Zegna-Hose wären zu Hause keine Todsünde, sondern nur schlichte
praktische Eleganz. Man kann nicht 24 Stunden Papst im Fummel sein: das ist
unmenschlich. Bekanntlich hat das Haus Burda beste Beziehungen zum Heiligen
Stuhl, und so freuen wir uns auf die erste Homestory in der Bunten. Und
wissen dann auch endlich, welche Zigarettenmarke der Papst raucht.
Die sentimentale Gläubigkeit seines Vorgängers hat Benedikt XVI. offenbar nicht
zu bieten und will es als ausgewiesener Intellektueller wahrscheinlich auch gar
nicht. Das ehrt ihn. Trotzdem sind seine bisherigen öffentlichen Auftritte
handwerklich ordentlich gearbeitet. Er macht einen JOB- seinen Job. Er gibt den
Papst. Er ist ein Papstdarsteller, quasi mit brechtschem Verfremdungseffekt.
Auch als Papst bleibt er Herr Ratzinger. Das ist neu und modern in der
römisch-katholischen Kirche. Darin ähnelt er dem sympathischen 14. Dalai Lama
alias Tenzin Gyatso.
*
Nur Dienstboten müssen immer
erreichbar sein.
Johannes Gross
Zufällig schaue ich aus dem Fenster, und da steht schon wieder auf der Straße so
einer (diesmal kein Kinderschänder), der sich ein sogenanntes Handy ans Ohr
quetscht und aufgekratzt, mit irrem Blick, in dasselbe quasselt. Inzwischen
sieht man ja auch immer mehr Leute, die das sogar beim Gehen tun — sie müssen
sehr in Eile sein. Wenn
ich Handy-Benutzer bloß sehe, steigt automatisch mein Adrenalinspiegel, und Haß
würgt mich, den doch sonst so Milden, der ich zu Aggressionen doch sonst kaum
fähig bin. Nichts
gegen das klassische Telephon, damit habe ich nicht die geringsten Probleme
(außer mit der Rechnung). Und ich bin begeisterter Faxist. Warum aber wird ein
Handy für mich niemals comme il fault sein? Die Gründe sind ästhetisch-ethischer
Art! Leute,
die auf der Straße am Handy hängen, sollten sich einmal auf Video betrachten:
dämlich und lächerlich sehen sie dabei aus, wie die Verwirrten, die im
Selbstgespräch vor sich hinbrabbeln. Als ich jedoch kürzlich einer jungen
Schönen, ganz en passant, pädagogisch wertvoll zuraunte: «Wenn Sie sich so
selbst sehen könnten, würden sie nie wieder auf der Straße telephonieren!»,
giftete die bloß keifend zurück: «Verpiß dich, alter Sack!» Was
für Menschen mögen das sein, diese Handy-Führer? Ein mir bekannter TV-Moderator
gehört auch dazu. Beim Restaurantessen liegt das Handy immer neben seinen
Tellern. Aber es klingelt, bimmelt oder schnarrt nie. Inzwischen gibt es
Agenturen, die auf Bestellung anrufen. Vielleicht sollte der mittlerweile
zahnlose TV-Tiger dort abonnieren? Ende
des Jahres wird es hierzulande fünf Millionen ‹Mobilfunk›-Anschlüsse geben. Es
sind die VIP's der Republik: die Unentbehrlichen, unsere Leistungsträger, die
immer erreichbar sein müssen, Tag und Nacht, an jedem Ort (Ja, sogar auf der
Toilette! Und vielleicht beim ...?), die sich lustvoll an die
(unsichtbare) Kette legen oder legen lassen. Und selbst auf die Gefahr hin, die
‹political correctness› zu sprengen: am beliebtesten ist das Handy anscheinend
bei Türken. Nieder
mit dem Handy! Es geht die Mär, Telephonieren via Handy verursache vielleicht
... eventuell ... Gehirntumore: Wie fabelhaft das wäre! Bekanntlich läßt sich
der Teufel am besten mit dem Beelzebub austreiben.
(Veröffentlicht 1996; der Autor
besitzt auch 2009 noch kein Handy.) *
* Der eine pißt, der andere
kackt Cacatum non est pictum, hingeschissen ist noch
nicht gemalt, heißt es grob und richtig. Kaum jedoch hockt sich jemand zum
Defäkieren hin, ist der Maler Philips Wouwerman (1616-1668) zur Stelle und hält
die Situation fest. Und Wouwerman war eine Größe, er gehörte zu den
hochgeschätzten Malern des Goldenen Zeitalters der niederländischen Kunst.
Sein wahrscheinlich bekanntestes Bild, "Der
Schimmel" im Rijksmuseum Amsterdam, wird seit je bewundert für den Realismus,
mit dem das Pferd gemalt ist. Pferde waren die große Stärke des Künstlers. Aber
das Bild ist auch eine kleine Genreszene. Das Tier mit roter Satteldecke steht
auf einem Weg, ein Kind hält es am Zügel und scheint das Wasser abzuschlagen.
Der Reiter aber, ein älterer Mann, hockt hinter der Böschung und entleert sich. Den Höhepunkt
der Schonungslosigkeit aber stellt das fast 140 Jahre verschollene Bild "Der
Kalvarienberg" dar. Im Mittelgrund stehen die drei Kreuze vor dem
blitzdurchzuckten Himmel. Vorn reiten die Offiziere, die die Hinrichtung
kommandiert haben, auf ihren wohlgenährten Pferden zurück, auch der Zimmermann
mit Beil und Weinflasche hat sich auf den Heimweg gemacht. Seitlich an einer
Böschung aber, nicht sehr auffällig placiert und doch durch einen Pfad mit dem
mittleren Kreuz verbunden, dem Kreuz Jesu, hockt ein Mann mit heruntergelassener
Hose und scheißt. Vorprogrammieren statt
programmieren (= im voraus festlegen) Aufoktroyieren statt oktroyieren
(= aufzwingen) Das Klientel statt d i e
Klientel (der Wichtigtuer entpuppt sich als Banause) 14. September 2009, Neue Zürcher Zeitung Robert Jütte
1996 kam Peter Greenaways kunstvoller Film über
Erotik, Kalligrafie und die Beziehung zwischen Schrift und Leib ins Kino. Nagiko,
die schöne Tochter eines berühmten japanischen Kalligrafen, der sich von seinem
homosexuellen Verleger missbrauchen lässt, trifft auf dessen englischen
Geliebten Jerome, als sie selbst bereits der Faszination der Schönschrift
erlegen und künstlerisch tätig ist. Sie schläft mit ihm, dann verziert sie
seinen Körper mit kunstvollen Schriftzeichen. Dieses menschliche «Buch» übt auf
den Verleger einen solchen Reiz aus, dass er nach Jeromes tragischem Tod die
Leiche exhumieren und die Haut abziehen lässt, um daraus eine «Bettlektüre» zu
fertigen. Das wiederum bringt Nagiko dazu, auf Rache zu sinnen.
Die filmische Fiktion wird mitunter noch von der
Wirklichkeit übertroffen. Im Jahr 2006 betitelte eine Schweizer Boulevardzeitung
eine Meldung: «Dieser <Schmöker> hat Gänsehaut-Garantie». Hintergrund war, dass
in der nordenglischen Stadt Leeds auf der Strasse ein offenbar in menschliche
Haut eingebundenes Buch gefunden worden war, nach dessen Eigentümer die Polizei
fahndete. Solche Bücher findet man heute normalerweise nicht auf der Strasse,
dafür aber in nicht unbeträchtlicher Zahl in Bibliotheken in der ganzen Welt.
Allerdings wird diese Tatsache von Bibliothekaren meist lieber verschwiegen. Man
fürchtet einen öffentlichen Aufschrei, wenn dieses Faktum bekanntwerden sollte.
Dagegen wusste ein gebildeter Bürger noch zu
Beginn des 20. Jahrhunderts, dass Einbände aus Menschenhaut eine bibliophile
Tradition haben. In «Meyers Grossem Konversation-Lexikon» (1908) kann man lesen:
«Menschenhaut ist mehrfach zur Herstellung von Leder benutzt worden. In der
Zittauer Ratsbibliothek befindet sich eine vollständige gegerbte M., die von
einem Räuber stammt. Sie ist weiss und fühlt sich wie derbes Handschuhleder an.»
Im Englischen gibt es sogar einen Fachausdruck für diese Buchbinderkunst: «anthropodermic
bibliopegy». Selbst in Buchbinderkreisen spricht man dieses
Thema besser nicht an. Mitte der 1990er Jahre wollte der Sohn eines
Gelsenkirchener Buchbinders einen Autor verklagen, weil dieser in einer
ortsgeschichtlichen Darstellung behauptet hatte, dass dessen Vater in der
NS-Zeit «echtes Niggerleder» verarbeitet habe. Der Streit kreiste darum, ob es
sich dabei um Menschenhaut oder um in Afrika gegerbtes, recht haltbares,
naturelles Ziegenleder mit natürlichen Narben (sogenanntes Nigerleder) handelte,
wie es noch heute in der lederverarbeitenden Industrie verwendet wird.
Hintergrund war, dass es immer wieder Gerüchte gegeben hat, die
Nationalsozialisten hätten nicht nur Lampenschirme, sondern auch Bucheinbände
aus der Haut von ermordeten KZ-Häftlingen hergestellt – ein Vorwurf, dem die
seriöse Holocaust-Forschung immer mit Skepsis begegnet ist, wenngleich man weiss,
dass KZ-Kommandanten Interesse an Präparaten hatten, die aus der Haut von
Menschen gewonnen waren, die auffällige Tätowierungen aufwiesen. Dass es aber in der Geschichte Terrorregime gab,
die es zumindest duldeten, dass Menschenhaut zu Stiefeln oder auch zu
Bucheinbänden verarbeitet wurde, zeigt ein Blick in die Geschichtsbücher. In
seiner «Geschichte der Französischen Revolution» (1837 erschienen) berichtet der
englische Historiker Thomas Carlyle im Abschnitt über die Phase des Thermidor,
dass die Jakobiner auch vor dem Gerben von Menschenhaut nicht zurückgeschreckt
seien. Das bereits zitierte deutsche Konversationslexikon nennt mehrere
Beispiele: «Ein Rapport vom 20. Sept. 1794 berichtet von einem Fabrikanten in
Meudon, der die Haut Guillotinierter zu Leder verarbeitete, und der
Nationalkonvent unterstützte diese Industrie mit 45 000 Fr. Der Citoyen Egalité
soll Hosen nur noch aus solchem Leder getragen haben. Nach Hyrtl (<Anatomie>)
besass Granier de Cassagnac ein in M. gebundenes Exemplar der Konstitution von
1793.» Auf ein anderes Unrechtsregime spielt die Hautmetaphorik in einem Gedicht
Heiner Müllers an: «In Leder gegerbt aus den Häuten der Schreiber / Halten wir
unsere Häute intakt sagte Boris Djacenko / Damit unsre Bücher in haltbarem
Einband / Überdauern die Zeit der beamteten Leser.» Nicht nur die Opfer politisch motivierter Morde
mussten in der Vergangenheit die Enthäutung fürchten, auch Gewaltverbrecher traf
gelegentlich ein solches Schicksal. Der spektakulärste Fall ereignete sich 1829
in Schottland. Damals wurde William Burke in Edinburg zum Tode verurteilt, weil
er zusammen mit seinem Komplizen William Hare siebzehn Menschen ermordet und
dann die Leichen an Anatomen verkauft hatte. Seine Totenmaske wird heute im
Royal College of Surgeons of Edinburgh gezeigt, ebenso eine angeblich aus seiner
Haut angefertigte Brieftasche. Doch auch aus freiem Willen konnte jemand, wie ein
deutsches Sprichwort lautet, «seine Haut zu Markte tragen». Das Resultat kann
man heute in der Boston-Athenaeum-Bibliothek bestaunen. Dort befindet sich
nämlich ein Buch, auf dessen Umschlag in lateinischen Lettern geschrieben ist: «Hic
liber Waltonis cute compactus est» – «Dieses Buch von Walton ist gebunden in
seiner eigenen Haut.» George Walton war Anfang der 1830er Jahre in den USA ein
berühmt-berüchtigter Strassenräuber. Nur einmal stiess er offenbar bei seinen
Taten auf energischen Widerstand eines Opfers. Als er am Ende seines Lebens, das
er grösstenteils im Gefängnis verbrachte, eines natürlichen Todes starb,
hinterliess er seine Memoiren mit dem Wunsch, als Einband solle seine eigene
Haut verwendet und das Buch dann dem Mann geschenkt werden, der sich gegen den
Überfall so heftig zur Wehr gesetzt hatte. Sein Name: John A. Fenno. Dessen
Erben vermachten später dieses makabre Geschenk der Bibliothek. Die Mehrzahl
solcher Einbände stammt jedoch aus dem medizinischen Kontext. 1911 berichtet der
Berliner Buchbinder Paul Kersten in einer Fachzeitschrift, dass ihm kürzlich ein
Arzt ein Stück Menschenhaut in der Grösse 65 mal 75 Zentimeter zur Verfügung
gestellt habe, damit er eine grossformatige anatomische Abhandlung von B. S.
Albinus mit Zeichnungen des Künstlers Jan Ladmiral darin einbinde. Das wertvolle
Werk kam 1932 in den Besitz der Lane Medical Library. Eine der grössten Sammlungen von medizinischen
Werken mit Einbänden aus Menschenhaut befindet sich heute im
anatomisch-pathologischen Museum des College for Physicians in Philadelphia –
nicht etwa im Depot, sondern am Beginn des Rundgangs. Auf einem der Einbände
liest man den Vermerk: «human skin leather tanned 1863». Sogar ein Portemonnaie,
das aus gegerbter Menschenhaut hergestellt wurde, ist in der Ausstellung zu
sehen. Bei den meisten Besuchern dürfte sich beim
Betrachten dieser Exponate ein leichtes Gruselgefühl oder Irritation einstellen,
zumal man mit seinen Eindrücken allein gelassen wird. In der Vitrine vermisst
man jeden Hinweis auf den Kontext oder gar auf die ethische Problematik der
Zurschaustellung menschlicher Organe oder Gewebe, die in jener Zeit meist ohne
Zustimmung der betreffenden Person – und nicht nur zu wissenschaftlichen Zwecken
– entnommen wurden. Vorbildlich ist dagegen die Harvard Law Library, die
ebenfalls ein Buch mit einem Einband aus Menschenhaut besitzt, in diesem Fall
eine juristische Abhandlung aus dem 17. Jahrhundert. Das Buch ist nur dann zu
besichtigen, wenn jemand ein ernsthaftes wissenschaftliches Interesse geltend
machen kann. Doch bevor sich Sammlungen und Bibliotheken in aller Welt einer
solchen ethischen Selbstverpflichtung unterwerfen, gilt es, in den eigenen
Beständen nach einschlägigen Bucheinbänden zu suchen und problematische Funde
nicht zu verschweigen.
Prof. Dr. Robert Jütte leitet seit 1990 das Institut für Geschichte der
Medizin der Robert-Bosch-Stiftung in Stuttgart. Schützerfest Wir sind in Sicherheit ·
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Trilogie des Zweifels

Wenn der Postmann nicht
mehr zweimal klingelt
oder Die Papierzunge des Zauberdrachens
Mein Faxgerät kam als Geschenk ins Haus; zwar funktionierte ‹das Ding›, nachdem
es ans Telephon- und Stromnetz angeschlossen war, problemlos, aber leider fehlte
die Gebrauchsanweisung, die unentbehrlich ist für die Programmierung der Kennung
(Name und Anschlußnummer des Absenders, Datum und Uhrzeit), denn fast jedes
Modell hat seine ungenormten Extravaganzen. Über die Faxgerätezulassungstelle
der Deutschen Telekom in Saarbrücken ließ sich der Importeur des
Irgendwo-made-in-Asia-Gerätes erfragen, der auch prompt 2 Meter
Bedienungsanleitung — wie anders — faxte: Glückseligkeit — das erste eigene
empfangene Fax!
Ich mache kein Hehl daraus, daß ich das Telefaxen für eine der wunderbarsten
Erfindungen der Menschheit halte, vergleichbar mit technischen Innovationen wie
Glühbirne, Telefon, Rundfunk, Fernsehen, Ton- und Bildaufzeichnung. Auch mit dem
Telefaxen vergewissern wir uns, daß wir nicht mehr auf den Bäumen sitzen (auch
wenn es manchmal doch noch diesen Anschein hat: auf den modernen
Schlachtfeldern).
Es ist kaum bekannt, daß die Anfänge des Telefaxens bis tief ins 19. Jahrundert
reichen, bis in die Urzeit des Industriezeitalters, dessen technischer Visionär
poetisch Jules Verne war.
Schon jetzt ist die Übermittlung eines Briefes per Telefax billiger als auf
traditionellem Weg: eine DIN-A-4-Seite, in den entferntesten Winkel der Republik
gefaxt, wofür die gängigen Faxgeräte mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von
9600 Baud/sec. ungefähr eine Minute brauchen, kostet ab 1996 tagsüber fünf oder
sechs Telefongebühreneinheiten, also 62 – 70 Pfennig, zum Billigtarif nachts
sogar nur 12 – 36 Pfennig. Noch günstiger sieht es im Ortsnetz aus: für nur zwei
Gebühreneinheiten lassen sich zum Normaltarif etwa drei Seiten faxen, zum
Billigtarif für 12 Pfennig vier Seiten, was an Porto zwei Mark kosten würde. Und
— momentan noch sehr teure — Faxgeräte der jüngsten Generation schaffen bereits
die Übermittlung einer Seite in zehn Sekunden. Trotz der Geschwindigkeitshexerei
macht die Deutsche Telekom satte Gewinne beim Faxen, und sie wären immens, jagte
sie die Briefbeförderung ihrer unbeliebten Schwester Deutsche Post AG gänzlich
ab, die dann aufs Frachtpost-Volumen einschrumpfte, unternehmerisch verschlankt
von gegenwärtig 28,6 Milliarden Umsatz auf zur Zeit 4 Milliarden. Oder aber
freie private Unternehmen bieten diese Dienstleistung an — ist die Deutsche Post
ein Auslaufmodell? Ohne Frage: in ihrer jetzigen Struktur bestimmt.

*
Teatime auf Madeira
Den Tee begleitet eine dreistöckige Etagere: im obersten Stockwerk Näpfchen mit
Butter und Schlagsahne, ein Gläschen mit Schwarzem-Johannisbeer-Gelee (leider
nicht hausgemacht, sondern aus industrieller Produktion), im mittleren vier
Fingersandwiches mit hauchdünnem Lachs, mit hauchdünner Gurke, mit hauchdünnem
Käse oder hauchdünnem Fleisch, jeweils von der Größe eines halben Männerdaumens
und bereits kronenfreundlich entrindet, im Parterre drei kinderfaustgroße
(leider etwas unsaftige) Küchelchen mit Mandel- und Schokoladengeschmack. Als
Extra wird mit der silbernen Gebäckzange ein frisches ofenwarmes
Rosinenmilchbrötchen gereicht. Teatime auf Madeira. Eine lebenslang
unvergeßliche Performance für schlappe 2o Euro pro Person.
Und tatsächlich wagt es eine vierköpfige Teegesellschaft am Tisch gegenüber,
sich zu fotografieren (und sogar mit Blitzlicht!)- touristischer Pöbel. Immerhin
stürzt er nicht zum Drachenfels-Fernrohr, das sich für diese Terrasse nur ein
wahnsinniger Hotelbuchhalter ausgedacht haben kann: lächerliche Münz-Peanuts
bringt ein Blick auf den Atlantik ein, wo es nichts zu sehen gibt- still ruht
der Große Teich, keine turtelnde Lady Di oder Sensationen ähnlichen Kalibers.
Châteauneuf-du-Pape


Grenouille - das Nasenmonster
Irdische, himmlische und höllische Düfte

Handy-Mania
Woran mag das liegen? Daran, daß ich noch aus einer Zeit stamme, als gerade das
Schnurtelephon erfunden und der erste segensreiche Satz — «Das Pferd frißt
keinen Gurkensalat» — per Draht gekrächzt wurde? Bin ich bereits vergreist und
neidisch nur, der neuen Zeit, der großen Handy-Zeit, hinterherzuhinken?
Nun zum Ethischen: Es zeugt nicht gerade von großer Rücksicht, seine Mitmenschen
in Cafés, Restaurants, Theatern und Konzertsälen mit den Lockrufen eines Handys
zu belästigen — zweifellos eine akustische Körperverletzung. Und dann wird man
ja nicht nur — schlimm genug — Augenzeuge jener ästhetisch absurden,
unzierlichen Handy-Handhabung, sondern auch noch Ohrenzeuge banalsten
Geplappers.
Ohne Kommentar
ELISABETH ALEXANDER (1922-2009)

Wie Goethe in den Werbe-Agenturen verendete (& PAUL, geknickt):
EXQUISA-
Keiner schmeckt wie dieser!
ALMIGURTH von Ehrmann-
Keiner macht mich mehr an!
Man sollte die Werbefuzzys pfählen, rädern oder teeren & federn... auf jeden Fall: HÖCHSTSTRAFE!


In memoriam 100 Watt
Drei häufige Sprachfehler:
Aber hallo!
Was Bibliotheken lieber verschweigen
Es gibt Bucheinbände aus Menschenhaut
Das Englische kennt sogar eine Fachbezeichnung dafür:
«anthropodermic bibliopegy». Die Praxis, Bücher in gegerbte Menschenhaut zu
binden, hat es in früheren Jahrhunderten gegeben. Erzeugnisse dieses «Handwerks»
finden sich noch immer in manchen Bibliotheken.
«Wie derbes Handschuhleder»
Medizinischer Kontext
Ethische Selbstverpflichtung

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Zum Tode von Irving Penn (1917-2009)

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